Ulfs Blog

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Wahr spricht, wer mich unersättlich nennt ...

jaufre_rudel

Im Herbst kommt ein neues Buch von mir.

Arnaut und die Fürstin Ermengarda (aus "Die Comtessa") entzweien sich, und Arnaut bricht zum unglücklichen Zweiten Kreuzzug auf, der in einem vollständigen Desaster endet. Das deutsche Heer wird vernichtet. Das fränkische gibt am Ende auf. Arnaut erlebt eine Menge schlimmer Dinge unterwegs, während Ermengarda auf ihn wartet, nicht wissend, ob er jemals heimkehren wird.

Zur Einstimmung für meine Leser eine kleine Szene mitten aus dem Buch. Ermengarda debattiert mit dem Troubadour Peire Rogier über Liebe und Dichtung. Rogier spielt auf Arnauts Abwesenheit an. Das Gedicht, das am Ende zitiert wird, ist sehr bekannt und stammt von Jaufré Rudel, eben aus dieser Zeit. Jaufré begab sich selbst auch auf diesen Kreuzzug und die "ferne Liebe", die er im Kopf hatte, war Hodierna, die Gräfin von Tripolis.

Aber nun der Auszug:

„Sag mir Rogier, was ist die Liebe?“

Verwirrt blickte er mich aus dunklen Augen an, die immer ein wenig an feuchte Hundeaugen erinnerten. Eine Täuschung, denn mein guter Sängerfreund konnte ziemlich frech und respektlos sein, besonders in seinen Spottliedern. Man hörte auch gewisse Geschichten über ihn, von durchzechten Nächten in üblen Spelunken, vom Umgang mit zwielichtigen Gestalten und wüsten Weibern.

„Warum fragst du mich das, Midomna? Es weiß doch jeder, was Liebe ist.“

„Ich will es aber von dir hören, von einem Kenner sozusagen. Du hast dir einen gewissen Ruf erworben, mein Guter.“

„Seit wann achtest du auf dummes Geschwätz, Ermengarda? Ich bitte dich.“

Ich musste über sein besorgtes Gesicht lächeln. „Hast du vielleicht etwas zu verbergen?“

„Natürlich nicht“, schmollte er in gespielter Entrüstung. „Meine Seele liegt allein dir zu Füßen und du trampelst darauf herum.“

„Ach, Peire“, lachte ich. „Du bist unverbesserlich.“

Wir hatten einen müßigen Nachmittag am warmen Kamin verbracht, mit Liedern, unterhaltsamen Geschichten und auch ein wenig Klatsch und Tratsch, wie es sich so ergibt, wenn man in angenehmer Gesellschaft zusammensitzt und nichts Besseres zu tun hat. Raimon und andere Freunde bei Hofe hatten sich gerade verabschiedet und auch Domna Anhes war davongeeilt, um Anordnungen für das Abendmahl zu treffen, denn wir gaben einen Empfang für Würdenträger der Stadt. Peire Rogier und ich waren allein zurückgeblieben.

„Zweifelst du an meiner Aufrichtigkeit?“, fragte er.

Es war ein Spiel. Es gehörte zu seiner Rolle bei Hofe, dass er sich als schmachtender Bewunderer der Fürstin aufführte. Aber nach den vielen Liedern an diesem Nachmittag und dem schamlosen Geplapper über Wer mit Wem war ich nicht mehr dazu aufgelegt.

„Jetzt mal im Ernst“, sagte ich. „Einer wie du, der ungebunden ist, der sich vergnügt und alles nimmt, was sich ihm darbietet ...“ Er machte eine entrüstete Handbewegung, als müsse er solche Anschuldigungen weit von sich weisen. „Leugne nicht, Peire“, sagte ich mit erhobenem Zeigefinger und gespieltem Zorn. „Mir ist so Einiges zu Ohren gekommen, was dich betrifft. Aber darum geht es mir gar nicht. Du lebst die Liebe in vollen Zügen, du denkst über sie nach und du verewigst sie in deinen Versen. Deshalb sag mir, was ist für dich die Liebe?“

„Was für eine Frage, mon Dieu“, sagte er, wieder versöhnt. „Mit der Antwort könnte man ein ganzes Buch füllen, dicker als die Bibel.“

„Nun zier dich nicht.“

„Eigentlich, das Wort selbst, amor, erklärt schon alles“, sagte er mit einem Augenzwinkern. „Es kommt von amus, was so viel wie fangen oder gefangen sein bedeutet. Der Liebende ist Gefangener in den Ketten seiner Begierde und wünscht nichts sehnlicher, als auch den anderen mit diesem Haken zu fangen.“

„Du bist ein Esel, Peire“, lachte ich. „Der Haken heißt hamus und nicht amus und hat mit der Liebe rein gar nichts zu tun.“

Er zuckte mit den Schultern und grinste.

„Nun gut. Dein Latein ist besser als meines. Aber du kannst nicht leugnen, dass die Schönheit des anderen Geschlechts uns dazu verführt, davon zu träumen, in den Armen des anderen zu liegen und all das zu tun, was uns die Liebe in diesem Fall gebietet. Dieses Begehren nach Erfüllung ist doch allen Menschen angeboren.“

„Wenn dem so ist, und das will ich gar nicht bestreiten, warum singt ihr trobadors dann nicht von der Glückseligkeit der Liebe? Stattdessen klagt und jammert ihr endlos über die versagte, die unerfüllte Liebe. Man sollte meinen, es gäbe nichts als Leid und Weh.“

„Ah“, sagte Rogier. „Nun hast du den wunden Punkt getroffen. Denn mit der Erfüllung entflieht die Liebe. Sie wird alltäglich, sie erhebt uns nicht mehr, lässt unser Herz nicht mehr erzittern. Die unerfüllte Liebe dagegen ist die höchste Form der Liebe, die fin d’amor, die hohe Minne. Sie währt bis in alle Ewigkeit.“

„Dichtergewäsch.“

Er warf mir einen gekränkten Blick zu.

„Dichtergewäsch? Nun, dass ich Poet bin, daran kann kein Zweifel sein. Glückliche Liebe bietet mir eben nichts. Die fatale, die verbotene oder die zerstörerische Liebe, das ist Stoff für Lieder. Die Gemüter rührt nicht das Glück, sondern la passió, das Leiden der Liebenden, das Begehren, der unerfüllbare Wahnsinn, mit dem sie geschlagen sind und alle Verstrickungen, die sich daraus ergeben.“

„Da ist was dran.“

„Du kennst die Geschichte von TristanundIseult?“

„Wer kennt sie nicht?“

„Eben, wer kennt sie nicht. Alle, die sie hören, sind davon ergriffen. Die Liebe, die nicht sein darf. Das Schwert zwischen den Liebenden. Der Fluch des Ehebruchs, der über ihnen hängt.“

„Aber sie nehmen sich doch ihre Liebe.“

„Vorübergehend. Sie kosten von diesem Apfel und werden, wie Adam und Eva, aus dem Paradies vertrieben. Und beim Versuch, alle Hindernisse zu überwinden, sterben sie. Der Tod als letzte Entsagung einer unseligen Leidenschaft.“

„Ja. Das ist sehr traurig.“

„Kannst du dir Iseult am Herd vorstellen, fett geworden und mit sechs Kindern am Rock, während sie Tristan den Brei kocht? So eine Geschichte würde niemand hören wollen.“

„Du bist ein Scheusal“, rief ich und warf mit einem Stück Gebäck nach ihm, das übriggeblieben war.

„Schau dich doch selbst an“, fuhr er ungerührt fort, nachdem er die Kuchenkrümel von seinem Wams gelesen hatte. „Du warst glücklich mit Arnaut, gewiss. Und seit er fort ist, geht es dir nicht gut, er fehlt dir schrecklich. Ich wette, du schläfst schlecht, du hast abgenommen, bist oft ungeduldig und launisch. Aber wenn jemand seinen Namen erwähnt, dann kommt so ein Glanz in deine Augen. Glaub nicht, dass man es nicht merkt. Du leidest, aber du hast ihn noch nie so geliebt wie jetzt.“

Betroffen starrte ich ihn an. Mein Herz hatte heftig zu schlagen begonnen, und ich merkte, wie mir die Röte in die Wangen stieg. Machte er sich lustig über mich? Doch er lächelte mich nur sanft mit seinen Hundeaugen an und sprach mit leiser Stimme:

Ver ditz qui m‘apella lechai

Ni deziron d’amor de lonh,

Car nulhs autres jois tant no’m plai

Cum jauzimens d’amor de lonh.

- - -

Wahr spricht, wer mich unersättlich nennt

dürstend nach ferner Liebe,

denn nichts erfüllt mich mehr als diese Lust

an Liebe aus der Ferne.

Seine weiche, rauchige Stimme und dann diese Worte.

Kein Wunder, dass mir die Tränen herunterliefen. Ja, verdammt. Die ferne Liebe. Ich wollte, ich könnte sie mir aus dem Herzen reißen.

„Ich muss mich umziehen“, brachte ich hervor und verließ fluchtartig den Saal.
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