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Macht der Mythen

Ob man gläubig ist oder, wie in meinem Fall, eher weniger, morgen ist der vierte Advent, und da sind ein paar Gedanken zum Thema spiritueller Tradition durchaus in Ordnung, denke ich. Gleich wie man zu ihr steht, die christliche Religion ist doch ein ganz entscheidender Kulturfaktor in unserer abendländischen Geschichte, und in den zweitausend Jahren ihrer Existenz hat sie Europas Identität geprägt. Wir sind mit ihren Symbolen und Riten aufgewachsen und sind in diesem Sinne allesamt Christen, ob gläubig oder nicht. Besonders in der Weihnachtszeit macht sich das jedes Jahr wieder bemerkbar.

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Der katholische Glaube ist besonders reich an Riten und mystischer Symbolik, was ihn möglicherweise für viele gerade deshalb besonders attraktiv macht. Man fühlt sich heimisch im mythisch Vertrauten. Und für mich, der über Menschen im Mittelalter schreibt, hat gerade auch diese Symbolik einen besonderen Reiz.

Allerdings habe ich Schwierigkeiten, den katholischen Glauben als monotheistische Religion zu verstehen. Ist er doch von überirdischen Wesen geradezu bevölkert. Mal abgesehen von der Dreifaltigkeit, die einem ziemliche intellektuelle Akrobatik abverlangt, gibt es Teufel und Engel und vor allen Dingen eine ganze Heerschar von Heiligen. Warum eigentlich so viele überirdische Wesen? Man scheut sich, sie niedere Götter zu nennen, obwohl sie durchaus so daherkommen. Ist das der Einfluss des antiken Götterhimmels auf die junge christliche Religion, die sich im hellenistischen Umfeld entwickelt hat? Neben seinen jüdischen Wurzeln mischt sich ja so Manches ein, warum nicht auch das antike Verständnis von unzähligen Göttern und Halbgöttern? Oder sind es die kaum bekehrten nordischen Heiden, die ihre widerwillig unterdrückten Gottheiten eingeschmuggelt haben, wie ja auch solche Dinge wie das Johannesfeuer (Sommersonnenwende) und vielleicht sogar das Weihnachtsfest selbst.

Im Mittelalter hatten die Leute nicht unbedingt den Kalender im Kopf so wie wir heutzutage, aber die Gedenktage der Heiligen, die waren jedem geläufig. Nach ihnen war das Jahr geregelt. Sie bestimmten die Zeit der Aussaat und der Ernte. Deshalb ist im „Bastard von Tolosa“ auch jedes Kapitel einem anderen Kalenderheiligen gewidmet. Jeder Tag hatte so seinen Heiligen, und weil es am Ende mehr Heilige als Tage im Jahr gab, hat man den Feiertag „Aller Heiligen“ erfunden, damit sich keiner von ihnen benachteiligt fühlen sollte. Denn der Mensch brauchte seine Heiligen. Sie heilten Krankheiten, kümmerten sich um die Ernte, hielten das Vieh gesund, machten Frauen fruchtbar, heilten die Gicht und den Kropf. Der mittelalterliche Mensch traute sich kaum über die Straße, ohne irgendeinen Heiligen um Beistand zu bitten.

Und in vorderster Reihe derer, die man anflehte, war die Mutter Gottes. Ich glaube die allermeisten Kirchen sind der Jungfrau Maria geweiht, deren fromme Abbildungen in jedem Dorf zu finden sind, und die sich in ihrem Ausdruck und im Verständnis der Person Marias auffallend ähneln und kaum variieren.

Ich finde diesen Marienkult sehr interessant. Dass einer Frau, der Mutter des Gottessohns, so viel Bedeutung beigemessen wird, erscheint mir für eine Religion semitischen Ursprungs eher erstaunlich. Auch hier glaube ich den Einfluss des Hellenismus und des Familiensinns der Griechen zu erkennen. Ohne sich über Dinge wie die unbefleckte Empfängnis zu streiten, ist doch nach der Kreuzigung die Vorstellung der Maria mit dem Christuskind das wohl zweitstärkste christliche Symbol überhaupt. Mutter und Kind – ein Archetypus von ungeheurer Strahlkraft, wenn man will. Und jedes Jahr feiern wir wieder die Geburt des Kindes und sehen vor unseren Augen Maria, die ihr Neugeborenes in den Armen hält, es an ihrer Brust nährt und liebevoll betrachtet. Zehntausendmal gemalt, in Holz geschnitzt oder in Stein gehauen, oft auf absurd kitschige Weise.

Aber die wahre Marienverehrung ist noch eine andere. Natürlich wurde Maria schon im dritten und vierten Jahrhundert in ihrer Rolle als „Gottesgebärerin“ verehrt, dann aber besonders wegen ihrer immerwährenden Jungfräulichkeit. Die Idee einer biblischen Vertreibung aus dem Paradies und die Vorstellung, dass die Frau unrein sei und Sexualität eine Sünde, hat jüdische Wurzeln, ist dann aber in frühchristlichen Jahrhunderten als unvermeidliche Erbsünde definiert und den Menschen in alle Eweigkeit auferlegt worden (nicht zuletzt von Augustinus). Eine Jungfrau Maria dagegen, mit ihrer „unbefleckten“ Empfängnis, schien den frühen Christen rein und frei von eben jener Erbsünde, ja überhaupt von Sünde jeder Art, daher auch der Glaube an ihre leibliche Aufnahme ins Himmelreich. Man stelle sich vor!

Durch ihre Nähe zum Sohn Gottes und ihrer jungfräulichen Reinheit wurde sie dann im Mittelalter zur Mittlerin und Fürsprecherin der Menschen vor Gott. Im zehnten, elften, und zwölften Jahrhundert entwickelte sich besonders die Marienverehrung. Ist es ein Zufall, dass zur gleichen Zeit die reine, höfische Minne zelebriert wurde, die unerfüllte Liebe zu einer edlen Dame von hohem Geblüt, der man ewige Treue schwor. Auch diese eine „unbefleckte“ Liebe. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich für so manchen jungen Ritter die Symbolik der Madonna mit seiner Verehrung für eine unerreichbare Dame durchaus vermischte. Frauen, die sonst wenig zu sagen hatten, wurden auf den Sockel gehoben und verehrt, zumindest die hochgestellten Damen, wenn sie denn auch noch hübsch waren. Wie ja auch alle Marienbilder niemals eine fünfzigjährige, verhärmte Matrone darstellen, sondern immer eine junge Frau in der Blüte ihrer Schönheit, wenn auch pietätvoll in züchtigem Gewand. Durch das Leid, den eigenen Sohn so grausam verloren zu haben, dichtete man ihr Verständnis für die Nöte der Menschen an. Maria die Trösterin, Maria, die ewig jugendliche, jungfräuliche und tugendhafte Gestalt, Mittlerin für uns arme Sünder.

So betet auch der harte Krieger Jaufré Montalban, mein Held in „Der Bastard von Tolosa“, zur Jungfrau Maria, als ihn der Tod seiner Geliebten in tiefe Verzweiflung stürzt, und er um Fassung ringt: „Weder unsere Unvollkommenheit noch unsere Sündhaftigkeit sind dir fremd. Maria, virgo pia, consolatrix, ora pro nobis. O sanfte Jungfrau, die du uns tröstest, bitte für uns.“

Der Symbolkraft solcher Bilder kann man sich im christlichen Abendland trotz aller Aufgeklärtheit nur schwer entziehen.
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