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Wie ein Heiliger ganze Heerscharen in den Tod schickt

Als die Kreuzrittergrafschaft Edessa 1144 von den Türken erobert wird, geht ein Aufschrei durch das christliche Europa. Gottes Bollwerk gegen die Heidenteufel ist gefallen. Hat der himmlische Vater uns verlassen, fragen sich die Menschen. „Nein“, predigt Abt Bernard de Clairvaux zu beiden Seiten des Rheins, „allein unsere Sünden sind es, die den Feinden des Kreuzes ihr Haupt haben erheben lassen. Der Herr könnte eine Legion Engel entsenden, doch er schickt euch, sich seiner Gnade würdig zu erweisen. Gehet und kämpfet für Gottes Ruhm und alle Sünden sollen euch vergeben sein.“

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Nach dem Ersten Kreuzzug 1096 war jedoch der Eifer erlahmt, und so ist niemand so recht bereit, erneut in den Orient zu ziehen, bis sich Bernard de Clairvaux der Sache annimmt. Seine Predigten erzeugen einen enormen Widerhall beim niederen Adel und einfachen Volk. In einem Brief an den Papst meldet Bernard von seiner erfolgreichen Predigtreise: „Ich öffnete meinen Mund; ich sprach; und alsbald vermehrte sich die Zahl der Kreuzfahrer endlos. Dörfer und Städte stehen jetzt verlassen. Kaum, dass man auf sieben Weiber einen Mann fände. Überall gewahrt man Witwen, deren Ehemänner noch unter den Lebenden sind.“

Makabre Worte, die ausdrücken, wiewohl er doch wusste, dass er diese Männer in den Tod schickte. Seltsam für jemanden, den schon viele zu Lebzeiten einen Heiligen nannten, einen Priester und Fürsprecher eines Gottes der Liebe, der von der Sanftheit der Mutter Gottes schwärmte.

Überhaupt scheint Bernard de Clairvaux ein Mensch voller Gegensätze gewesen zu sein. Der Poesie und der Literatur zugetan liebte er jedoch am meisten das Studium der Bibel. Bedeutende theologische Werke hat er hinterlassen, und seine besondere Verehrung gehörte der Jungfrau Maria in ihrer Rolle als Mittlerin zwischen Gott und den Menschen. Er war vom Ideal der Armut überzeugt, vom einfachen Leben in Demut vor Christus. Sämtliche Titel und Ämter, die man ihm aufdrängte, hat er zurückgewiesen, außer dem eines einfachen Abtes von Clairvaux, das er sein Leben lang bekleidete. Er wünschte sich nichts anderes als die Stille des Klosterlebens, den täglichen Rhythmus der Gebete und des zurückgezogenen Lebens, um sich seinen Studien und theologischen Arbeiten widmen zu können.

So jedenfalls behauptete er. Umso verwunderlicher, dass in seinem Namen 163 Klöster gegründet wurden, die er eisern beherrschte, dass er zur einflussreichsten Figur seiner Zeit aufstieg, dass er immer wieder gerufen wurde, in die Welt hinauszuziehen und die Probleme von Kirche und hoher Politik zu lösen. Er wurde Berater von Königen und Päpsten und hatte am Ende mehr Macht als der Papst selbst. Ein frommer Mann, der sich sein Lebtag lang mühte, bescheiden zu leben, ein verhinderter Eremit, ein Asket, der dennoch nicht von der Welt lassen konnte, den sein zweites Naturell dazu trieb, seine Fähigkeiten als geborener Menschenführer, Politiker und Diplomat zu nutzen, ein gewaltiger Redner, der ganze Scharen von Menschen überzeugen konnte und so das Geschick Europas entscheidend mitbestimmt hat.

Lactatio
Von der Notwendigkeit eines zweiten Kreuzzugs war er wie besessen. Um die Menschen zu bewegen, sich daran zu beteiligen, scheute er auch nicht vor frommen Fabrikationen zurück. Ob von ihm selbst erfunden, sei dahingestellt, aber während seiner Predigten in Speyer entstand die „Lactatio-Legende“, nach der die Jungfrau Maria höchstpersönlich ihn durch die Milch ihrer Brüste mit Weisheit genährt haben soll. Und für einen Mann des Friedens hatte er ziemlich radikale Ansichten. "Ein Ritter Christi tötet mit gutem Gewissen, noch ruhiger stirbt er selber. Wenn er stirbt, nützt er sich selbst, wenn er tötet, nützt er Christus." So wird er zitiert. Und weiter: "Hier für Christus grausam zu sein, ist die höchste Stufe der Seligkeit."

Als der Kreuzzug am Ende zum Reinfall und zur Erniedrigung für die beteiligten Herrscher Frankreichs (Ludwig VII) und Deutschlands (Konrad III) wurde, fiel dies negativ auf Bernard zurück. Schuld sei die Sündhaftigkeit der Kreuzfahrer gewesen, so seine Erklärung. Gott habe sie gestraft.
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