Ulfs Blog

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Ein Loblied auf schlechte Texte

Um als Autor sein Schreiben zu verbessern, heißt es immer, man sollte möglichst viel lesen. Ich glaube, das ist wahr. Und gelesen habe ich immer in Mengen. Leider, wenn ich mir meine Lesegewohnheiten von früher betrachte, dann wünschte ich, schon damals bewusster gelesen zu haben. Denn seit ich selbst schreibe, nähere ich mich einem Text wesentlich aufmerksamer. Ich analysiere, wie der Autor sein Thema angeht, wie er Szenen aufbaut, wie er formuliert, Bilder entstehen lässt, Stimmungen vermittelt.

Die Tatsache, dass ich mich in den letzten Jahren auch theoretisch mit dem Handwerk Schreiben beschäftigt habe, hilft, den Blick zu schärfen. Man kommt dem Autor schneller auf die Schliche, was er da eigentlich treibt, um den gewünschten, leider auch manchmal nicht gewünschten Effekt zu erzielen. Tatsächlich ist es so, dass man von schlechten Texten oft mehr lernt. Bei den guten wird man einfach von der Spannung, dem Lesefluss und den Stimmungen erfasst und getragen, sodass man vergisst, sein Radar einzuschalten. Hinterher fragt man sich, was war eigentlich die Magie, die einen so gefesselt hat.

Bei schlechteren Texten springen einem die Fehler förmlich ins Gesicht. Sie unterbrechen den Lesefluss, manchmal ärgern sie mich sogar, weil ich mir denke, mein Gott, ein paar Worte anders und es wäre gut gewesen. In jedem Fall lernt man aus solchen Fehlern mehr, als aus den guten Texten, weil man die Schwächen schneller erkennt. Und wenn das Radar einmal an ist, dann ist es unerbittlich, dann wird alles durchleuchtet. Eine Lehrstunde, wie man es NICHT machen sollte. Leider ist dann oft das Lesevergnügen dahin. Na ja, man kann nicht alles haben. Sad

Bei den eigenen Texten ist es ja ähnlich. Wobei man da nicht vor Betriebsblindheit gefeit ist. Aber da hilft nur Abstand nehmen und dann überarbeiten, überarbeiten, überarbeiten. Egal wie oft, man findet immer noch etwas.
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Das traurige Ende des traumatisierten Troubadours

Kürzlich hatte ich darüber geschrieben, welch üblen Streich eine Hofdame dem armen Troubadour Jaufré Rudel gespielt hatte. Noch dazu eine, in die er heftig verliebt gewesen war. Danach wollte er mit den Schönen der Höfe, die er besuchte, nichts mehr zu tun haben.

Jaufre stirbt in Hodiernas Armen
Heimkehrende Pilgersleute erzählten ihm später von der Tugend und Schönheit Hodiernas, der Gräfin von Tripolis. Angeblich war ihr Gemahl, Raimund II von Tripolis, ein eifersüchtiger Mann, der sie eingesperrt hielt wie eine Orientalin. Das entzündete seine Fantasie und er schuf das Bild einer Hodierna als edelmütige, ferne Geliebte, der er all seine späteren Liebeslieder widmete. Als Alfons von Toulouse sich 1148 auf den Zweiten Kreuzzug begab, schloss sich Jaufré Rudel ihm an, um die Gelegenheit zu nutzen, endlich vor seine ferne Angebetete zu treten. Nach der Legende erkrankte er leider auf der Schiffreise schwer. Halb tot trug man ihn an den Strand von Tripolis. Sein Ruf als Poet war ihm vorausgeeilt, und so begab sich Hodierna gleich an den Strand, um ihn tot elend vorzufinden. Fürsorglich ließ sie ihn in ein Hospitium bringen, doch sein schlechter Zustand war schon so fortgeschritten, dass er sich nicht mehr erholte. Immerhin starb er glücklich in ihren Armen.

Hodierna war die dritte von vier Töchtern des Königs von Jerusalem, Balduin II, und ganz so tugendhaft und edelmütig, wie Jaufré sie sich ausgemalt hatte, scheint sie wohl nicht gewesen zu sein. Wie ihre Schwestern war sie sehr unabhängig aufgewachsen, und ihr Gemahl schien durchaus Grund zur Eifersucht gehabt zu haben, denn es liefen Gerüchte, dass Hodiernas Tochter nicht von ihm gewesen sein soll. Und als sie fürchtete, Alfons könne ihr und ihrem Mann die Grafschaft Tripolis streitig machen, schmiedete sie mit ihrer Schwester Melisende, Königin von Jerusalem, ein erfolgreiches Komplott, ihn zu vergiften.
Dennoch haben Jaufré Rudels Lieder von der fernen Liebe (
amor de lonh) einen bleibenden Einfluss auf die Kunst der Troubadoure und Minnesänger in ganz Europa gehabt. Wie die Grafschaft Tripolis als einer der Kreuzfahrerstaaten entstand, habe ich in „Der Bastard von Tolosa“ beschrieben. Und Alfons von Toulouse, Sohn des Gründers Raimund Saint Gilles, ist ebenfalls eine meiner wichtigen Figuren in „Die Comtessa“.
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Gefährliches Spiel

troubadour

Da sitzt der Herr auf seiner Burg, umgeben von den Seinen, von Gesinde, Knechten, Knappen und jungen Rittern. Er streichelt seinem Bastardsohn den blonden Schopf, wirft den Hunden einen Knochen vor und trinkt der holden Angetrauten zu, die ihm die fette Mitgift eingebracht hat. Da plötzlich taucht einer dieser frechen Troubadoure auf. Abgerissen sitzt er auf einem mageren Gaul, aber singen kann er, und ist obendrein ein hübscher Kerl. Die Angetraute klatscht entzückt in die Hände, die Hofdamen kreischen vor Vergnügen und die Mägde verdrehen die Augen nach dem Burschen. Soll er also singen für sein Abendbrot, der Tunichtgut, brummt der Herr und hält sich an den Wein.

Und was tut der singende Herumtreiber? Macht gleich der Dame des Hauses schöne Augen, singt von ewiger Liebe, vergeht in Schmerz und Herzeleid vor unerfülltem Sehnen. Er wirft sich ihr zu Füßen, schwört ewige Treue. Den Weibern quellen die Augen über, die Angetraute seufzt und schenkt ihm einen goldenen Armreif, die Knappen wundern sich, die Ritter murren. Aber der Herr leidet es. Im Gegenteil, je mehr verliebte Blicke und seufzende Damen, je mehr beschenkt der Herr den fahrenden Sänger, bietet ihm gar ein warmes Plätzchen für den nahenden Winter an.

Ich habe ein wenig übertrieben, aber man muss sich schon wundern über die Zeit der Troubadoure. Einerseits boten sie neben der Jagd die einzige Unterhaltung, aber sie machten den Edelfrauen ganz eindeutig den Hof. Natürlich nur platonisch, denn wir befinden uns in einer Zeit, in der Männer sich alles erlauben durften, Frauen dagegen wenig. Ehebrecherische Frauen wurden in Schande davongejagt, verloren Mitgift und Kinder, wenn sie nicht noch schlimmer bestraft wurden. Frauen hielten sich meist unter sich auf, in den abgeschiedenen Frauengemächern. Männer wunderten sich, was sie dort wohl trieben. Überhaupt war das weibliche Geschlecht ihnen fremd, manchmal gar unheimlich, sie hielten sich lieber an ihre kriegerischen Kumpane, mit denen sie sich betranken.

Und doch wurde diese höfische „reine“ Liebe und Verführung quasi vor aller Augen zelebriert. Die Troubadoure machten es vor, die anderen nach. Ob diese Liebe immer so rein blieb, sei dahingestellt, aber alle schienen das Spiel zu lieben, ein Spiel mit dem Feuer. Es gibt ein berühmtes Buch, „Die Kunst der höfischen Liebe“ von Andreas Capellanus, einem Mönch aus dem späten 12. Jahrhundert. Darin macht er Vorschläge, wie der verliebte Dialog zu führen sei. Und zwar unterschiedlich zwischen Adeligen unter sich, zwischen Bürgerlichen oder einem Adeligen und einer Bürgersfrau und umgekehrt. Ein wahres Handbuch der höfischen Verführung.

Es muss also fast schon ein Volkssport gewesen sein. Denn die Liebe suchte man nicht in der Ehe. Ehen waren Vermögenspakte, keine Liebesheiraten. Aber trotz aller Liebesschwüre blieb es nur platonisch. Zumindest durfte man sich nicht erwischen lassen. Überliefert ist ein Gerichtsurteil über ein ehebrecherisches Pärchen, sie war jedenfalls verheiratet, das in flagranti erwischt worden war. Sie wurden nackt unter Schimpf und Schande durch die Stadt getrieben, wobei sie ihn an einem Bindfaden führen musste, der an seinem Penis verknotet war. Die Sache konnte also durchaus bös enden.
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Reicht Empathie für einen Autor aus?

Empathie ist die Fähigkeit, Gedanken, Gefühle, Absichten oder Persönlichkeitsmerkmale eines anderen Menschen oder eines Tiers zu erkennen und unter Umständen die eigene Reaktion darauf abzustimmen. Soweit in etwa die Wikipedia-Definition.

Die meisten sind sich einig, dass man als Autor empathische Fähigkeiten besitzen sollte, um sich glaubhaft in Figuren hineindenken zu können. Gemeint ist nicht unbedingt Mitleid oder Mitgefühl, sondern einfach die Gabe nachvollziehen zu können, was in einem Anderen vorgeht, warum er gewisse Dinge tut. Es kann sich um einen lieben Menschen handeln oder auch um einen Soziopathen, mit dem man nicht unbedingt Mitgefühl entwickeln wird.

Es geht ja darum, Figuren zu schaffen, die glaubwürdig sind. Dazu ist Empathie unerlässlich. Aber nicht genug. Es muss einem auch gelingen, den Leser daran teilhaben zu lassen. Und das geht nur mit schauspielerischen Fähigkeiten.

Der Autor muss in der Lage sein, in seine diversen Figuren hineinzuschlüpfen, wie sie zu denken und zu fühlen, den Impuls zu verspüren, der sie handeln lässt. Und dies dann auch so auszudrücken, dass der Leser das Gleiche verspürt und ebenfalls nachvollziehen kann. Nicht ganz einfach in hitzigen Dialogen zwischen zwei oder mehr Figuren, bei denen doch jeder Satzfetzen Stimmung und Charakter des jeweiligen Sprechers klar zum Ausdruck bringt, ohne dass man noch viel hinzufügen muss. Es ist ein Schauspiel, bei dem der Autor Regisseur und Darsteller zugleich ist. Wenn es gelingt, vergisst der Leser die Worte, sondern sieht nur noch den Film vor Augen.
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