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Writer's Reward

Manchmal muss man sich fragen, warum macht man das eigentlich? Das Schreiben von dicken Büchern, meine ich. Man sitzt einsam in seinem Kämmerlein, wälzt historische Abhandlungen, recherchiert im Internet, versucht Ordnung in das Chaos von Informationen zu bringen, denkt sich dazu Figuren und ihre Geschichten aus und schreibt, schreibt und schreibt. Nein, eigentlich verbringt man die meiste Zeit damit, das zu überarbeiten, was man schon geschrieben hat. Und das fünf Jahre lang. So lange hat jedenfalls mein Erstling gedauert. Neben meiner normalen Arbeit versteht sich. Beim zweiten ging es schneller. Nur ein Jahr. Na ja, erstmal sind es weniger Seiten, dann hatte ich mehr Zeit, mehr Übung und die Recherche fiel geringer aus, weil größtenteils schon vorhanden. Trotzdem waren es 12 Stunden-Tage, Samstag und Sonntag inbegriffen, ohne Urlaub.

Und was hat der Mensch davon?
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Nun, ich gebe zu, es macht Spaß. Es ist nicht nur eiserne Disziplin und tägliche Selbstmotivierung. Gelingt einem eine Szene besonders gut, ist der Mensch glücklich. Wenn nicht, wird sie überarbeitet. Irgendwann ist sie so, dass man sich zufrieden zurücklehnen kann. Außerdem ist es immer wieder überraschend, was man sich alles so auszudenken in der Lage ist. Ich erstaune mich regelmäßig selber. Manchmal sind das Plotstränge, die ursprünglich gar nicht geplant waren, aber sich dann einfach wunderbar einfügen. Oder neue, ungeplante Personen tauchen auf. Besonders spannend, wenn die Neulinge sich im Laufe der Geschichte verselbstständigen und ein Eigenleben entwickeln, ja das Plot verändern. Das sind die kleinen Freuden des Autors.

Am besten ist aber der Kontakt mit den Lesern, der durch das Internet möglich ist. Wenn einem dann jemand schreibt: „Hallo - was für ein Buch! Ich lese sehr viel und gern, aber der "Bastard" war so genial, wie lange kein Roman bisher! Hoffentlich muss man auf einen neuen ‚Schiewe‘ nicht allzu lang warten!!!“ Das ist wunderbar, besser als Weihnachten, und eine Belohnung der besonderen Art, die einem sofort Lust macht, den nächsten Stoff in Angriff zu nehmen.
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Der traumatisierte Troubadour

Jaufré Rudel war ein bekannter südfranzösischer Troubadour des frühen 12. Jahrhunderts. Er war der Sohn eines Kleinfürsten aus der Gegend der Gironde in Aquitanien. Von seinem Leben sind nur wenige Einzelheiten überliefert, außer dem, was seinen acht erhaltenen Liedern zu entnehmen ist und einer kurzen mittelalterlichen Biographie (vida).

Ein Ereignis muss ihn sehr beschäftigt haben, denn es wird mit großer Melancholie in einem seiner Lieder beschrieben. Troubadoure lebten vom Mäzenatentum der Fürsten und Kastellane. Sie zogen von Hof zu Hof, verbrachten manchmal sogar Jahre am Hof eines ihnen wohlgesonnenen Herrschers. Ihr zentrales Thema war die Liebe, meist die reine, platonische Liebe zu einer edlen Dame, der sie sich romantisch verbunden gaben.

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Ganz so platonisch muss es allerdings nicht immer zugegangen sein, wie Jaufrés Geschichte bezeugt. Er hatte sich wohl unsterblich in eine Schöne bei Hofe verliebt. Wer sie war, bleibt uns verborgen. Er muss sie lange umworben und bedrängt haben, bis sie sich eines Tages bereit erklärte, ihm ein süßes Stelldichein in ihrer Schlafkammer zu gewähren. Überglücklich schlich er sich in ihre Kammer, fand die Dame seines Herzens jedoch nicht vor, nahm aber wohlgemut an, sie müsse gleich erscheinen. Die Liebesbeziehung muss, zumindest in seinen Augen, schon recht fortgeschritten gewesen sein, denn in seiner freudigen Erwartung zögerte er nicht, sich schon mal seiner Kleider zu entledigen und es sich in ihrem Bett bequem zu machen. Vielleicht hatte sie ihm so etwas ja auch angedeutet, wer weiß?

Aber, oh Schrecken, als die Kammertür aufflog, war es nicht seine geliebte Dame, sondern eine ganze Horde junger Höflinge, die ihn johlend aus dem Bett rissen und ihn zur allgemeinen Belustigung nackt durch die Burg trieben.

Welch eine Scham, welche Erniedrigung, die ihm da angetan worden war. Ein Geschöpf, das er hoch verehrte, hatte ihm einen solch niederträchtigen Streich gespielt. Auch andere Troubadoure bestätigen, dass ihn die Sache jahrelang traumatisierte. Ich zitiere ein paar Zeilen aus seinem Lied:

Mein Herz wird für immer daran leiden,
Denn dass sie lachend davonliefen,
Das verfolgt mich im Traum und in meinen Seufzern.

Nach diesem Erlebnis hielt er sich von Hofdamen fern. Seine Liebe sollte in Zukunft nur noch einer Dame gehören, die zwar einen Namen und ein Gesicht hatte, es in Wirklichkeit aber nur in seiner Fantasie gab, die für ihn unerreichbar ferne Fürstin von Tripolis, der er alle Tugenden andichtete. Tatsächlich hat er sie am Ende seiner Tage aber doch noch kennengelernt, aber das ist eine andere Geschichte.
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Kannibalismus unter den Kreuzrittern

Was mich an der gegenwärtigen Debatte um Herrn Sarrazin so nervt, ist, dass Manche seine lächerlichen Thesen auch noch ernst nehmen. Wie borniert muss man sein, sich einzubilden, wir gehörten zu einem besseren Gen-Pool? Und das auch noch in Deutschland, mit unserer Vergangenheit. Auch die Islamdebatte ist oft extrem nervig und voreingenommen. Was soll denn so großartig an unserer christlich-abendländischen Kultur sein? Vergisst man, wie viel Leid diese Kultur über andere Menschen gebracht hat?

Es ist immer wieder interessant, Parallelen in der Geschichte zu finden. Besonders bei meiner Recherche über den Ersten Kreuzzug sind mir so viele schreckliche Sachen untergekommen, dass einem schlecht wird. Ein wahlloses Morden von Zivilisten aller Religionen, das Ausrotten ganzer Städte, in Jerusalem konnte man laut Zeugen im Blut bis an die Knie waten. Alles im Namen des Kreuzes.

Aber das Allerschlimmste war doch das folgende Ereignis. Ich zitiere aus dem „Bastard von Tolosa“:

Wie könnte ein Mann jemals Ma’arrat-an-Numan vergessen? Ungehindert von den Fürsten war der Pöbel plündernd in diese unglückliche Stadt eingedrungen. Dabei war es zu fürchterlichsten Maßlosigkeiten gekommen. Die sogenannten tafurs, die Ärmsten unter den Armen der militia, dreckig, zerlumpt, halb verhungert, sie hatten Muslime bei lebendigem Leibe gekocht und sich johlend um ihr Fleisch gebalgt, ja sogar Kinder auf Spießen gebraten und gelacht, während sie diese vertilgten.

Es ist wirklich, wie in mehreren Chroniken berichtet, geschehen. Und die Anführer, in diesem Fall Bohemund von Tarent und Raimund von Toulouse, sie ließen es zu. Das schockierte die muslimische Welt noch Jahrhunderte später. Nicht umsonst waren wir „Franken“, wie alle Kreuzritter genannt wurden, nichts als Menschenfresser für die Menschen im Vorderen Orient.

Dies ist nur ein Beispiel von unzähligen in unserer Geschichte. Es gibt wirklich keinen Grund sich auf die eigene Kultur oder gar Gene etwas einzubilden.
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Writer's Blues

Irgendwie fehlt einem etwas. Da hat man die letzten acht Monate geschuftet wie ein Wilder, um den Abgabetermin einzuhalten (selbst verschuldet natürlich, da ich vorher getrödelt hatte), nebenbei Geld verdient, sich mit Lesern in Foren rumgetrieben ... und jetzt ist auf einmal alles fertig. Fertig geschrieben, fertig überarbeitet, fertig lektoriert und „satzfertig“ abgegeben.

Ich freue mich natürlich, bin erleichtert ... wenn da nicht diese brutale Leere wäre. Hätte ich die gewisse Szene vielleicht doch etwas anders gestalten sollen? Sind die Figuren gut genug gezeichnet? Und dann das nagende Gefühl, da sind bestimmt noch ein paar ungeschickte Formulierungen drin. Schließlich findet man bei der Überarbeitung ja immer was, egal wie oft man drüber geht. Dann sag ich mir, irgendwann muss man Schluss machen, das Kind entlassen. Und jetzt? Eigentlich wollte ich ein paar Tage Urlaub machen. Trau mich nur nicht so richtig. Urlaub ist fremd. Sollte ich mich mit dem neuen Projekt beschäftigen? Aber dazu habe ich noch nicht die innere Ruhe, die letzte Geschichte hält mich noch gefangen. Vielleicht nehm ich mir einfach einen spannenden Krimi und leg mich in die Badewanne.
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Wie sauber war das Mittelalter?

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Die Idee, dass sich die Menschen im Mittelalter selten gewaschen haben sollen, hält sich hartnäckig, ist aber mit Sicherheit falsch. Schon die Germanen legten auf tägliche Körperhygiene wert, und im Hochmittelalter waren öffentliche Badestuben sehr beliebt.Ein Minnesänger soll seine Armut beklagt haben, die ihm nicht erlaube, sich mehr als nur einmal am Tag den Gang zur Badestube leisten zu können.
Es wurde nicht nur gebadet, sondern der Bader kümmerte sich auch ums Rasieren und Haarschneiden, um Pflege und Kosmetik, um Zähneziehen und kleinere medizinische und chirurgische Eingriffe. Dies zeigt das nebenstehende Bild, in dem eine Dame gerade geschröpft wird.

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Morgens nach dem Frühstück ging die brave Bürgersfrau mit den Kleinen zum Bader, abends dagegen der Hausherr. Während tagsüber ein Vorhang die Bereiche für Männlein und Weiblein trennte, ging es zu vorgerückter Stunde gemischter zu. Allerdings bestand dann die Weiblichkeit eher aus willigen Badenixen, deren Dienste käuflich waren. Das zweite Bild zeigt solch ein fröhlich feuchtes Treiben, die Gäste in den Badezubern, darüber ein auf einer Tafel ausgebreitetes Festgelage, während ein Spielmann für musikalische Unterhaltung sorgt. Im Hintergrund sind Alkoven für intimere Spiele zu erkennen. „Der Bastard von Tolosa“ enthält eine solche Szene in einem anrüchigen Badehaus in Tripolis, in der es ähnlich pikant zugeht.
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