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Santo Domingo auf Hispaniola, 1635

Mein Roman, GOLD DES SÜDENS, spielt im Jahre 1635 und zum großen Teil auf der karibischen Insel Hispaniola, auf der das heutige Haiti und die Dominikanische Republik liegen. Hier möchte ich die Insel und ihre Hauptstadt Santo Domingo, so wie sie sich dem Besucher um 1635 präsentiert, vorstellen.

Hispaniola


Hispaniola, war eine der ersten Inseln, die von Kolumbus entdeckt worden waren. Hier fanden auch die ersten Siedlungsversuche statt und Santo Domingo, im Süden der Insel, wurde schon in den ersten Jahren der Kolonisierung zur Hauptstadt der neuen spanischen Besitzungen in der Karibik. Von hier aus unternahm Rodrigo de Bastidas seine Erforschung der Küsten Kolumbiens und Panamas, von hier segelten Cortez und Pizarro, um Mexiko und Peru zu erobern.

Sklaven
Auf Hispaniola siedelten die ersten Kolonisatoren der neuen Welt, unterwarfen die Indianer und brachten es nach einigen Anfangsschwierigkeiten zu Wohlstand. Zunächst hatten Goldfunde in den Bergen die Gier der Spanier befeuert, zum Leidwesen Tausender versklavter Indianer, die in den Minen verreckten. Wie es im Jahre 1635 überhaupt nur noch wenige ihrer Art auf der Insel gab. Eingeschleppte Krankheiten und brutale Unterdrückung hatten sie dahingerafft. Die meisten Spanier ließ das allerdings kalt, für sie waren es nur Wilde. Ein ganzes Volk wurde so praktisch ausgelöscht.

Der Goldrausch währte nicht lange. Als Nächstes ließ Europas Hunger nach Zucker große Plantagen in den fruchtbaren Ebenen entstehen. Da es an Arbeitskräften mangelte, begann der Handel mit Afrikanern zu blühen. Bald gab es weit mehr schwarze Sklaven auf Hispaniola als Europäer.

Als die Portugiesen den Markt mit brasilianischem Zucker überschwemmten, verlegten sich viele der Pflanzer auch auf Tabak oder auf die Züchtung gewaltiger Rinderherden im Inneren der Insel. Denn Leder erzielte gute Preise in der alten Welt, besonders wenn Krieg in Europa herrschte, wie jetzt der Dreißigjährige Krieg. Die spanische Krone war mehr damit beschäftigt, die Protestanten zu bekämpfen, als sich um die fernen Kolonien zu kümmern.

Leinenmarkt Santo Domingo
Lange Zeit war also Santo Domingo Hauptstadt des sich rasch ausdehnenden spanischen Kolonialreiches. Und obwohl Orte wie Havanna oder Panama ihr inzwischen den Rang abliefen, war die Stadt immer noch ein wichtiger Verwaltungssitz. Nach modernen, geometrischen Richtlinien angelegt, kreuzten sich ihre Straßen im rechten Winkel, gradlinig wie ein Schachbrett.
An der Flussmündung stand die wuchtige Fortaleza de Ozama, deren Kanonen den lebenswichtigen Hafen sicherten. Diese Festung, nach dem Fluss benannt, hatte den Ruf, uneinnehmbar zu sein, hatte sie doch im Jahre 1586 sogar den Angriffen des berüchtigten Francis Drake widerstanden, El Drake, wie die Spanier ihn nannten, ein Name, mit dem man den Kindern Angst machte, wenn sie nicht gehorchen wollten.

Neben der Festung befand sich der weitläufige Palast der reichen Familie Bastidas, dessen Erbauer nach seinen Erkundungsreisen für das Eintreiben der Zölle verantwortlich gewesen war und sich entsprechend bereichert hatte. Am gleichen Ufer, etwas weiter nördlich, hatte Diego Colón, Sohn des berühmten Entdeckers der Insel und wie sein Vater ebenfalls Vizekönig von Westindien, einen noch gewaltigeren Palast errichten lassen, den Alcázar de Colón, mit seinen fünfundfünfzig Sälen und Gemächern.

Damals waren ihm und seiner Gattin, einer Frau von hohem adeligen Geblüt, zahlreiche Hofdamen nach Santo Domingo gefolgt, wo sie Residenz in feinen Villen gleich hinter der Festung an der Calle de la Fortaleza bezogen. Diese war dadurch zur elegantesten Straße der Stadt geworden, überhaupt die erste gepflasterte Straße in der Neuen Welt. Und weil die edlen Damen auf dem Weg zur gerade eben fertiggestellten Kathedrale hier gern flanierten und ihren teuren Putz zur Schau stellten, wurde sie bald in Calle de las Damas umbenannt.

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Jetzt, mehr als hundert Jahre später, war die Stadt von einer starken Mauer umgeben und von mehreren Forts geschützt, um allen Angriffen von Seeräubern zu widerstehen, zu denen es schon häufig in ihrer kurzen Geschichte gekommen war. Santo Domingo war nach den Verwüstungen durch Drakes Freibeuter wieder gewachsen und hatte erneut seinen Platz als wichtiges Handelszentrum eingenommen. Auf der Hauptgeschäftsstraße, der Calle de Conde, waren Schmuck und kostbares Tuch, Schwerter aus Toledo, feines Olivenöl, spanischer Wein und andere begehrte Waren aus dem Mutterland zu haben. Und immer noch war es ein ganz besonderes Privileg, an der Calle de las Damas ein Haus zu besitzen, wie Doña Maria Carmen, die Heldin des Romans.

Obwohl Santo Domingo den Segen der Zivilisation des 17. Jahrhunderts genoss, mit seinen Kirchen und Palästen, so war das Land immer noch wild und zum großen Teil unerschlossen. Im Sommer herrschte die Regenzeit mit ihren gefährlichen Hurrikanen. Im Süden lagen die großen Plantagen, im Inneren gab es Rinderherden, die mehrere Zehntausende zählten. Im Nordosten trieben Bukaniere ihr Unwesen, um Wildschweine und wilde Rinder zu jagen und das Fleisch für fremde Schiffe zu räuchern. Nicht selten betätigten sie sich auch als Piraten. Ihr Zufluchtsort war Tortuga, eine kleine Insel auf der Nordseite von Hispaniola.

Dies ist die Welt, in die Jan van Hagen mit seinem Schiff, die
Sophie, vordringt, um sich am illegalen Schmuggel zu bereichern. Die Sophie ist eine holländische Fleute, ein schnelles kleines Schiff mit zwei Kanonen auf jeder Seite und gutem Frachtraum. So mag sie ausgesehen haben:


Fleute

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Die Rettung des Kölner Stadtgedächtnisses

Am 27. September 2012 empfangen Dr. Stefan Lafaire und seine Mitarbeiter uns Autoren, die am Gemeinschaftsroman „Die Vierte Zeugin“ mitgewirkt haben, um uns mit den Restaurationsbemühungen des Kölner Stadtarchivs vertraut zu machen. Dr. Lafaire ist der Vorstandsvorsitzende der Stiftung „Stadtgedächtnis“, die mit diesen Arbeiten beauftragt ist.

“Durch den Einsturz des Historischen Archivs verliert nicht nur Köln, sondern ganz Europa seine Identität. Würden wir die Archivalien nicht restaurieren, wäre unsere Geschichte von nun an manipulierbar”, sagt er und nennt uns ein paar beindruckende Zahlen. Vor dem katastrophalen Einsturz umfasste das Archiv 1.100 Jahre Geschichte und stellte mit seinen 700 Jahren ununterbrochener Sammlungstätigkeit eines der bedeutendsten, historischen Archive Europas dar. 30.000 Regalmeter Akten, 65.000 Urkunden aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit, allein 1.800 mittelalterliche Handschriften.

Wir waren fasziniert von der unglaublichen Sysiphus-Arbeit der Restaurationsbemühungen. In klimatisierten, staubfreien Hallen arbeitet unermüdlich eine ganze Heerschar weiß bekittelter Menschen, um das Gedächtnis der Stadt Köln wiederherzustellen.

Erstaunlich teilweise die Vorgehensweise. Nach dem Einsturz des Archivs lag praktisch alles unter Trümmern in einem riesigen Schlammloch. Die Dokumente wurden mit dem Bagger ans Tageslicht gefördert und zunächst mit Wasser abgespült, um den gröbsten Dreck abzuwaschen. Nach reiflicher Überlegung hatte man sich geeinigt, dies sei noch die schnellste und sanfteste Methode, um die schlimmsten Verunreinigungen zu entfernen.

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Dann, um zerstörerischen Pilzbefall zu verhindern, wurden die nassen Dokumente sofort eingefroren und in diesem Zustand in großen Kühlhallen gelagert. Nacheinander werden sie nun hervorgeholt und in einer Gefriertrockenanlage getrocknet. Danach wird den Dokumenten die korrekte Feuchtigkeit wieder zugeführt, sie werden sanft geglättet und einzeln, von Hand, sorgfältig entstaubt, gereinigt, restauriert und neu archiviert. Eine Arbeit, die möglicherweise noch 20-30 Jahre dauern wird und bis zu 400 Millionen EURO verschlingen könnte. Man schätzt aber, dass dadurch bis zu 95% der Dokumente gerettet werden können. Allerdings hofft die Stiftung neben den Mitteln, die die Stadt bereitstellen kann, auf private Sponsoren und Spender.

Und um eine dieser Handschriften (siehe im Bild) ging es ja im Roman „Die Vierte Zeugin“. Denn „unser“ Dokument, eine alte Gerichtsakte aus dem Jahre 1535 existiert tatsächlich und konnte durch die Spenden des Autorenkreises Quo Vadis restauriert werden. Dieses alte und nun gerettete Pergament vor uns zu sehen, das war schon ein bewegender Augenblick. Ein gutes Gefühl, dass wir Autoren mit unserem Roman ein wenig dazu beitragen konnten, die gewaltigen Restaurierungsarbeiten der Stiftung zu würdigen und populärer zu machen.


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Von links nach rechts: Dr. Stefan Lafaire, Tanja Schurkus, Jürgen Roters, Caren Benedikt, Katrin Burseg, Ulf Schiewe, Peter Prange, Marlene Klaus, Lena Falkenhagen, Heike Koschyk, Oliver Pötzsch, Alf Leue, Martina André, Titus Müller. Foto: Philipp Müller

Weitere Links:

Website des Romans: Die Vierte Zeugin
Der Empfang im Rathaus: „Botschafter des Kölner Stadtarchivs


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Jetzt hassen sie wieder

Religionen scheinen wieder im Vormarsch zu sein. Allerdings in ihrer hässlicheren Form, den Hasstiraden von fundamentalistischen Glaubensfanatikern. Die findet man unter islamischen Minderheiten, die den Gottesstaat errichten wollen und die Massen zu Gewaltakten anpeitschen, wie wir sie täglich wieder im Fernsehen sehen können. Aber in verminderter Form auch unter amerikanischen Fundamentalisten, die die Erkenntnisse der Evolutionswissenschaften bestreiten und die amerikanische Demokratie so vergiften, dass das Land fast unregierbar wird.

Wir schütteln über Islamisten den Kopf, dabei haben wir uns in der jüngeren Geschichte doch selbst von Hassreden verführen lassen. Da ging es um eine seltsame Rassenideologie. Aber auch religiöser Hass sollte uns Europäern nicht fremd sein. Wie viel Blut ist in unserer Geschichte über viele Jahrhunderte aus religiösen Motiven vergossen worden. Wenn man über die Zeit der Kreuzzüge schreibt, wird einem dies besonders deutlich. Während meiner Recherchen zu „DIE HURE BABYLON“ war ich schockiert zu lesen, mit welchen Argumenten da gearbeitet wurde. Und wie zeitnah dies immer noch ist.

Bernhard von Clairvaux
Nach dem verlustreichen Ersten Kreuzzug hatten die Menschen fünfzig Jahre lang eigentlich die Nase voll von Krieg im Orient, weshalb der Papst mit seinem Aufruf 1246 zum Zweiten Kreuzzeug zunächst niemand hinter dem Ofen hervorlocken konnte. Dann trat der mächtige Abt Bernhard von Clairvaux (später geheiligt) auf den Plan und fachte das Feuer an. Ein großartiger Redner. Ein Menschenverführer, Hassprediger und Einpeitscher der Massen, ein wahrer Göbbels des Mittelalters.
Nachdem das christliche Edessa im Osten gefallen war, baute er geschickt ein Feindbild gegen die „Ungläubigen“ auf. Dass denen dieser Schlag überhaupt gelungen war, sei nur auf die Sündhaftigkeit der Christen zurückzuführen. „Deja vu“, denn das ist ein Argument, das auch die islamischen Fundamentalisten gebrauchen. Und warum zerstöre Gott nicht einfach die Ungläubigen, ist er denn nicht allmächtig? Gute Frage! Bernhards Antwort: weil er euch Sündern die Gelegenheit geben will, euch von der Sünde zu befreien und eure Treue zu Gott zu beweisen. „Statt einer Legion von Engeln schickt er euch, um die Sarazenen zu bestrafen.“
Er spielt also mit dem jüdisch-christlichen Sündenverständnis und Schuldgefühlen, die man den Menschen jahrhundertelang eingeredet hat. Jeder, der ein Schwert zu führen wisse, solle sich den Kriegern Christi anschließen. Und dann gibt es Zitate wie:

kreuzzug
„Ein Ritter Christi tötet mit gutem Gewissen. Und noch ruhiger stirbt er selber, denn wenn er stirbt, kommt er ins Himmelreich. Wenn er tötet, nützt er Christus. Für Christus grausam zu sein, ist die höchste Stufe der Seligkeit.“





Hört sich das alles nicht sehr aktuell an?
Und später, als das Kreuzfahrerheer ausgezogen war, freut er sich über seinen Propagandaerfolg. In den Städten gäbe es jetzt nur noch die Witwen noch lebender Männer. Kanonenfutter also.

Die wahren Motive der Kirche waren auch damals natürlich weniger religiös, als man meinen könnte. In Wirklichkeit ging es um Machtansprüche, um Politik gegenüber dem byzantinischen Kaiserreich, um Land und um den überaus lukrativen Orienthandel.
Religion ist immer am gefährlichsten, wenn sie sich mit Politik vermischt, wenn sie als Machtmittel benutzt wird, um die Massen zu verführen und zu mobilisieren. Gefährlicher und elender als alles andere, denn sie gibt den gläubigen Menschen eine Rechtfertigung für alle Grausamkeiten, die ihnen einfallen könnten, ja ermutigt sie geradezu darin. Denn der fanatisierte Gläubige wähnt sich besser als andere und im vollen Recht, für seinen Gott grausam zu sein.

Die Hure Babylon - Klein
Wenn wir glauben, so etwas haben wir in unseren säkularen Staaten längst hinter uns gelegt, dann ist das nicht richtig. Diese Geisteshaltung begegnet uns heute häufiger denn je, George Bush eingeschlossen.

Das war mit ein Grund, warum „DIE HURE BABYLON“ diesen Titel hat und warum das Buch mehr als nur ein Abenteuerroman geworden ist, sondern auch eine Abrechnung mit jeder Art von fanatischen Verführungsparolen, die nur zu mehr menschlichem Elend führen.






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Der Zorn der Straße

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Nun ist er weg, der Diktator. Menschen in Ägypten sind auf die Straße gegangen, weil sie genug hatten von ihren Machthabern, von Korruption, schlechten Lebensverhältnissen, Unterdrückung und Unfreiheit. Mit friedlichen Mitteln haben sie ihre Hauptforderung durchgesetzt, wie zuvor in Tunesien, wie vor zwanzig Jahren auch bei uns. Ideen, die zur französischen Revolution führten, verändern immer noch die Welt.

Und doch, wer sich ein wenig für Geschichte interessiert, weiß, dass eine solche Revolution der Straße in vergangenen Jahrhunderten fast unmöglich war, dass der Kampf für Gerechtigkeit und Freiheit allzu oft in Blut ertränkt wurde, bis hin zu unseren Zeiten, siehe Iran oder China auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Umso erstaunlicher, dass es in den letzten 50 Jahren immer wieder gelang, diktatorische Machthaber zu vertreiben. Ich bin überzeugt, dies hat etwas mit dem zu tun, was wir unter Legitimität der Macht verstehen.

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In vergangenen Jahrhunderten beruhte Herrschaftslegitimität auf Abstammung, auf Zugehörigkeit zu einer Adelsschicht. Erbberechtigung gab Legitimität. Nach diesem Prinzip folgte man einem adeligen Führer. Die Idee einer Nation gab es nicht. Trotzdem hat es an Revolten und Rebellionen nicht gemangelt. Die meisten waren jedoch erfolglos. Ketzerbewegungen vergingen in den Feuern der Inquisition, Bauernaufstände wurden immer wieder blutig niedergeschlagen. Die Revolte der Schweizer Bauern stellt da eine glorreiche Ausnahme dar.

Erst im 19. Jahrhundert wandelte sich das Prinzip der Legitimation von persönlicher Gefolgschaft gegenüber einem erbberechtigten Fürsten zur Idee einer Nation. Nationalismus fegte so die Herrschaft des Adels hinweg. Leider allzu oft ersetzt durch diktatorische Regime, die ihre Legitimation in einer nationalistischen oder anderen Ideologie suchten. Leider wurde oft auch die Macht der Gene (Adel) auf eine andere sogenannte genetische Berechtigung übertragen (Volk und Rasse), mit desaströsen Konsequenzen. Angefangen mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der französischen Revolution hat sich besonders in den letzten sechzig Jahren die Idee durchgesetzt, dass das Volk der eigentliche Souverän ist, das heißt, dass jeder Staatsangehörige, unabhängig von Herkunft oder Religion, das Recht hat, seine Führer zu wählen. Heute glauben wir, nur die vom Volk gewährte Macht hat Berechtigung. Und zunehmend ist diese Idee stärker als Panzer.

Und doch hat es auch schon in der weit entfernten Geschichte Gruppen gegeben, die für sich Freiheiten erstritten haben und denen es gelungen ist, zumindest innerhalb ihrer sozialen Gruppe eine Art repräsentative Herrschaft zu errichten. Das war vor allem schon das Bürgertum im Mittelalter, eine Zeit, die mich besonders interessiert. Eine gewisse Unabhängigkeit von feudaler Knechtung entwickelte sich ganz allmählich in den urbanen Zentren, wo Handwerk und Handel ein selbstbewusstes Bürgertum entstehen ließen. Den Anfang machten die norditalienischen Städte, wo schon seit der Antike städtische Strukturen bestanden. Bereits zur Zeit Karls des Großen entwickelte Venedig eine unabhängige Stadtregierung. Florenz folgte. Im Wettstreit mit den Sarazenen um die Kontrolle des Seehandels bauten Genuesen und Pisaner mächtige Flotten, entmachteten im 11. Jahrhundert ihren Stadtadel und gründeten maritime Republiken.

In „Die Comtessa“ spielt die Stadt Narbonne eine Rolle. Auch hier, wie in anderen Städten Südfrankreichs bildeten die reichen Kaufleute eine Schicht, die begannen, den Fürsten die Stirn zu bieten, besonders da sie das Gros der Steuereinahmen lieferten. In Montpellier wurde der Fürst vorübergehend vertrieben. Alfons Jordan selbst konnte sich in Toulouse nur mit der Unterstützung der Stadtmiliz auf seinem Thron behaupten. Trotzdem gelang es den provenzalischen Städten nicht, sich völlig von ihren Fürsten freizumachen. Diese Spannungen werden auch in meinem Buch dargestellt. Im ersten Kapitel entlädt sich der Zorn des Volkes in spontanem Widerstand gegen die Toulousaner Söldner. Hier, wie so oft, wird der Aufruhr blutig niedergeschlagen. Tote und Verletze bleiben zurück. Am Ende des Romans erstreiten sich die Bürger von ihrer Fürstin gewisse Privilegien und Rechte als Gegenleistung für ihre Unterstützung.

Wie so oft findet man zu aktuellen Geschehnissen Parallelen in der Geschichte.
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Wie ein Heiliger ganze Heerscharen in den Tod schickt

Als die Kreuzrittergrafschaft Edessa 1144 von den Türken erobert wird, geht ein Aufschrei durch das christliche Europa. Gottes Bollwerk gegen die Heidenteufel ist gefallen. Hat der himmlische Vater uns verlassen, fragen sich die Menschen. „Nein“, predigt Abt Bernard de Clairvaux zu beiden Seiten des Rheins, „allein unsere Sünden sind es, die den Feinden des Kreuzes ihr Haupt haben erheben lassen. Der Herr könnte eine Legion Engel entsenden, doch er schickt euch, sich seiner Gnade würdig zu erweisen. Gehet und kämpfet für Gottes Ruhm und alle Sünden sollen euch vergeben sein.“

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Nach dem Ersten Kreuzzug 1096 war jedoch der Eifer erlahmt, und so ist niemand so recht bereit, erneut in den Orient zu ziehen, bis sich Bernard de Clairvaux der Sache annimmt. Seine Predigten erzeugen einen enormen Widerhall beim niederen Adel und einfachen Volk. In einem Brief an den Papst meldet Bernard von seiner erfolgreichen Predigtreise: „Ich öffnete meinen Mund; ich sprach; und alsbald vermehrte sich die Zahl der Kreuzfahrer endlos. Dörfer und Städte stehen jetzt verlassen. Kaum, dass man auf sieben Weiber einen Mann fände. Überall gewahrt man Witwen, deren Ehemänner noch unter den Lebenden sind.“

Makabre Worte, die ausdrücken, wiewohl er doch wusste, dass er diese Männer in den Tod schickte. Seltsam für jemanden, den schon viele zu Lebzeiten einen Heiligen nannten, einen Priester und Fürsprecher eines Gottes der Liebe, der von der Sanftheit der Mutter Gottes schwärmte.

Überhaupt scheint Bernard de Clairvaux ein Mensch voller Gegensätze gewesen zu sein. Der Poesie und der Literatur zugetan liebte er jedoch am meisten das Studium der Bibel. Bedeutende theologische Werke hat er hinterlassen, und seine besondere Verehrung gehörte der Jungfrau Maria in ihrer Rolle als Mittlerin zwischen Gott und den Menschen. Er war vom Ideal der Armut überzeugt, vom einfachen Leben in Demut vor Christus. Sämtliche Titel und Ämter, die man ihm aufdrängte, hat er zurückgewiesen, außer dem eines einfachen Abtes von Clairvaux, das er sein Leben lang bekleidete. Er wünschte sich nichts anderes als die Stille des Klosterlebens, den täglichen Rhythmus der Gebete und des zurückgezogenen Lebens, um sich seinen Studien und theologischen Arbeiten widmen zu können.

So jedenfalls behauptete er. Umso verwunderlicher, dass in seinem Namen 163 Klöster gegründet wurden, die er eisern beherrschte, dass er zur einflussreichsten Figur seiner Zeit aufstieg, dass er immer wieder gerufen wurde, in die Welt hinauszuziehen und die Probleme von Kirche und hoher Politik zu lösen. Er wurde Berater von Königen und Päpsten und hatte am Ende mehr Macht als der Papst selbst. Ein frommer Mann, der sich sein Lebtag lang mühte, bescheiden zu leben, ein verhinderter Eremit, ein Asket, der dennoch nicht von der Welt lassen konnte, den sein zweites Naturell dazu trieb, seine Fähigkeiten als geborener Menschenführer, Politiker und Diplomat zu nutzen, ein gewaltiger Redner, der ganze Scharen von Menschen überzeugen konnte und so das Geschick Europas entscheidend mitbestimmt hat.

Lactatio
Von der Notwendigkeit eines zweiten Kreuzzugs war er wie besessen. Um die Menschen zu bewegen, sich daran zu beteiligen, scheute er auch nicht vor frommen Fabrikationen zurück. Ob von ihm selbst erfunden, sei dahingestellt, aber während seiner Predigten in Speyer entstand die „Lactatio-Legende“, nach der die Jungfrau Maria höchstpersönlich ihn durch die Milch ihrer Brüste mit Weisheit genährt haben soll. Und für einen Mann des Friedens hatte er ziemlich radikale Ansichten. "Ein Ritter Christi tötet mit gutem Gewissen, noch ruhiger stirbt er selber. Wenn er stirbt, nützt er sich selbst, wenn er tötet, nützt er Christus." So wird er zitiert. Und weiter: "Hier für Christus grausam zu sein, ist die höchste Stufe der Seligkeit."

Als der Kreuzzug am Ende zum Reinfall und zur Erniedrigung für die beteiligten Herrscher Frankreichs (Ludwig VII) und Deutschlands (Konrad III) wurde, fiel dies negativ auf Bernard zurück. Schuld sei die Sündhaftigkeit der Kreuzfahrer gewesen, so seine Erklärung. Gott habe sie gestraft.
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Macht der Mythen

Ob man gläubig ist oder, wie in meinem Fall, eher weniger, morgen ist der vierte Advent, und da sind ein paar Gedanken zum Thema spiritueller Tradition durchaus in Ordnung, denke ich. Gleich wie man zu ihr steht, die christliche Religion ist doch ein ganz entscheidender Kulturfaktor in unserer abendländischen Geschichte, und in den zweitausend Jahren ihrer Existenz hat sie Europas Identität geprägt. Wir sind mit ihren Symbolen und Riten aufgewachsen und sind in diesem Sinne allesamt Christen, ob gläubig oder nicht. Besonders in der Weihnachtszeit macht sich das jedes Jahr wieder bemerkbar.

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Der katholische Glaube ist besonders reich an Riten und mystischer Symbolik, was ihn möglicherweise für viele gerade deshalb besonders attraktiv macht. Man fühlt sich heimisch im mythisch Vertrauten. Und für mich, der über Menschen im Mittelalter schreibt, hat gerade auch diese Symbolik einen besonderen Reiz.

Allerdings habe ich Schwierigkeiten, den katholischen Glauben als monotheistische Religion zu verstehen. Ist er doch von überirdischen Wesen geradezu bevölkert. Mal abgesehen von der Dreifaltigkeit, die einem ziemliche intellektuelle Akrobatik abverlangt, gibt es Teufel und Engel und vor allen Dingen eine ganze Heerschar von Heiligen. Warum eigentlich so viele überirdische Wesen? Man scheut sich, sie niedere Götter zu nennen, obwohl sie durchaus so daherkommen. Ist das der Einfluss des antiken Götterhimmels auf die junge christliche Religion, die sich im hellenistischen Umfeld entwickelt hat? Neben seinen jüdischen Wurzeln mischt sich ja so Manches ein, warum nicht auch das antike Verständnis von unzähligen Göttern und Halbgöttern? Oder sind es die kaum bekehrten nordischen Heiden, die ihre widerwillig unterdrückten Gottheiten eingeschmuggelt haben, wie ja auch solche Dinge wie das Johannesfeuer (Sommersonnenwende) und vielleicht sogar das Weihnachtsfest selbst.

Im Mittelalter hatten die Leute nicht unbedingt den Kalender im Kopf so wie wir heutzutage, aber die Gedenktage der Heiligen, die waren jedem geläufig. Nach ihnen war das Jahr geregelt. Sie bestimmten die Zeit der Aussaat und der Ernte. Deshalb ist im „Bastard von Tolosa“ auch jedes Kapitel einem anderen Kalenderheiligen gewidmet. Jeder Tag hatte so seinen Heiligen, und weil es am Ende mehr Heilige als Tage im Jahr gab, hat man den Feiertag „Aller Heiligen“ erfunden, damit sich keiner von ihnen benachteiligt fühlen sollte. Denn der Mensch brauchte seine Heiligen. Sie heilten Krankheiten, kümmerten sich um die Ernte, hielten das Vieh gesund, machten Frauen fruchtbar, heilten die Gicht und den Kropf. Der mittelalterliche Mensch traute sich kaum über die Straße, ohne irgendeinen Heiligen um Beistand zu bitten.

Und in vorderster Reihe derer, die man anflehte, war die Mutter Gottes. Ich glaube die allermeisten Kirchen sind der Jungfrau Maria geweiht, deren fromme Abbildungen in jedem Dorf zu finden sind, und die sich in ihrem Ausdruck und im Verständnis der Person Marias auffallend ähneln und kaum variieren.

Ich finde diesen Marienkult sehr interessant. Dass einer Frau, der Mutter des Gottessohns, so viel Bedeutung beigemessen wird, erscheint mir für eine Religion semitischen Ursprungs eher erstaunlich. Auch hier glaube ich den Einfluss des Hellenismus und des Familiensinns der Griechen zu erkennen. Ohne sich über Dinge wie die unbefleckte Empfängnis zu streiten, ist doch nach der Kreuzigung die Vorstellung der Maria mit dem Christuskind das wohl zweitstärkste christliche Symbol überhaupt. Mutter und Kind – ein Archetypus von ungeheurer Strahlkraft, wenn man will. Und jedes Jahr feiern wir wieder die Geburt des Kindes und sehen vor unseren Augen Maria, die ihr Neugeborenes in den Armen hält, es an ihrer Brust nährt und liebevoll betrachtet. Zehntausendmal gemalt, in Holz geschnitzt oder in Stein gehauen, oft auf absurd kitschige Weise.

Aber die wahre Marienverehrung ist noch eine andere. Natürlich wurde Maria schon im dritten und vierten Jahrhundert in ihrer Rolle als „Gottesgebärerin“ verehrt, dann aber besonders wegen ihrer immerwährenden Jungfräulichkeit. Die Idee einer biblischen Vertreibung aus dem Paradies und die Vorstellung, dass die Frau unrein sei und Sexualität eine Sünde, hat jüdische Wurzeln, ist dann aber in frühchristlichen Jahrhunderten als unvermeidliche Erbsünde definiert und den Menschen in alle Eweigkeit auferlegt worden (nicht zuletzt von Augustinus). Eine Jungfrau Maria dagegen, mit ihrer „unbefleckten“ Empfängnis, schien den frühen Christen rein und frei von eben jener Erbsünde, ja überhaupt von Sünde jeder Art, daher auch der Glaube an ihre leibliche Aufnahme ins Himmelreich. Man stelle sich vor!

Durch ihre Nähe zum Sohn Gottes und ihrer jungfräulichen Reinheit wurde sie dann im Mittelalter zur Mittlerin und Fürsprecherin der Menschen vor Gott. Im zehnten, elften, und zwölften Jahrhundert entwickelte sich besonders die Marienverehrung. Ist es ein Zufall, dass zur gleichen Zeit die reine, höfische Minne zelebriert wurde, die unerfüllte Liebe zu einer edlen Dame von hohem Geblüt, der man ewige Treue schwor. Auch diese eine „unbefleckte“ Liebe. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich für so manchen jungen Ritter die Symbolik der Madonna mit seiner Verehrung für eine unerreichbare Dame durchaus vermischte. Frauen, die sonst wenig zu sagen hatten, wurden auf den Sockel gehoben und verehrt, zumindest die hochgestellten Damen, wenn sie denn auch noch hübsch waren. Wie ja auch alle Marienbilder niemals eine fünfzigjährige, verhärmte Matrone darstellen, sondern immer eine junge Frau in der Blüte ihrer Schönheit, wenn auch pietätvoll in züchtigem Gewand. Durch das Leid, den eigenen Sohn so grausam verloren zu haben, dichtete man ihr Verständnis für die Nöte der Menschen an. Maria die Trösterin, Maria, die ewig jugendliche, jungfräuliche und tugendhafte Gestalt, Mittlerin für uns arme Sünder.

So betet auch der harte Krieger Jaufré Montalban, mein Held in „Der Bastard von Tolosa“, zur Jungfrau Maria, als ihn der Tod seiner Geliebten in tiefe Verzweiflung stürzt, und er um Fassung ringt: „Weder unsere Unvollkommenheit noch unsere Sündhaftigkeit sind dir fremd. Maria, virgo pia, consolatrix, ora pro nobis. O sanfte Jungfrau, die du uns tröstest, bitte für uns.“

Der Symbolkraft solcher Bilder kann man sich im christlichen Abendland trotz aller Aufgeklärtheit nur schwer entziehen.
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Das traurige Ende des traumatisierten Troubadours

Kürzlich hatte ich darüber geschrieben, welch üblen Streich eine Hofdame dem armen Troubadour Jaufré Rudel gespielt hatte. Noch dazu eine, in die er heftig verliebt gewesen war. Danach wollte er mit den Schönen der Höfe, die er besuchte, nichts mehr zu tun haben.

Jaufre stirbt in Hodiernas Armen
Heimkehrende Pilgersleute erzählten ihm später von der Tugend und Schönheit Hodiernas, der Gräfin von Tripolis. Angeblich war ihr Gemahl, Raimund II von Tripolis, ein eifersüchtiger Mann, der sie eingesperrt hielt wie eine Orientalin. Das entzündete seine Fantasie und er schuf das Bild einer Hodierna als edelmütige, ferne Geliebte, der er all seine späteren Liebeslieder widmete. Als Alfons von Toulouse sich 1148 auf den Zweiten Kreuzzug begab, schloss sich Jaufré Rudel ihm an, um die Gelegenheit zu nutzen, endlich vor seine ferne Angebetete zu treten. Nach der Legende erkrankte er leider auf der Schiffreise schwer. Halb tot trug man ihn an den Strand von Tripolis. Sein Ruf als Poet war ihm vorausgeeilt, und so begab sich Hodierna gleich an den Strand, um ihn tot elend vorzufinden. Fürsorglich ließ sie ihn in ein Hospitium bringen, doch sein schlechter Zustand war schon so fortgeschritten, dass er sich nicht mehr erholte. Immerhin starb er glücklich in ihren Armen.

Hodierna war die dritte von vier Töchtern des Königs von Jerusalem, Balduin II, und ganz so tugendhaft und edelmütig, wie Jaufré sie sich ausgemalt hatte, scheint sie wohl nicht gewesen zu sein. Wie ihre Schwestern war sie sehr unabhängig aufgewachsen, und ihr Gemahl schien durchaus Grund zur Eifersucht gehabt zu haben, denn es liefen Gerüchte, dass Hodiernas Tochter nicht von ihm gewesen sein soll. Und als sie fürchtete, Alfons könne ihr und ihrem Mann die Grafschaft Tripolis streitig machen, schmiedete sie mit ihrer Schwester Melisende, Königin von Jerusalem, ein erfolgreiches Komplott, ihn zu vergiften.
Dennoch haben Jaufré Rudels Lieder von der fernen Liebe (
amor de lonh) einen bleibenden Einfluss auf die Kunst der Troubadoure und Minnesänger in ganz Europa gehabt. Wie die Grafschaft Tripolis als einer der Kreuzfahrerstaaten entstand, habe ich in „Der Bastard von Tolosa“ beschrieben. Und Alfons von Toulouse, Sohn des Gründers Raimund Saint Gilles, ist ebenfalls eine meiner wichtigen Figuren in „Die Comtessa“.
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Gefährliches Spiel

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Da sitzt der Herr auf seiner Burg, umgeben von den Seinen, von Gesinde, Knechten, Knappen und jungen Rittern. Er streichelt seinem Bastardsohn den blonden Schopf, wirft den Hunden einen Knochen vor und trinkt der holden Angetrauten zu, die ihm die fette Mitgift eingebracht hat. Da plötzlich taucht einer dieser frechen Troubadoure auf. Abgerissen sitzt er auf einem mageren Gaul, aber singen kann er, und ist obendrein ein hübscher Kerl. Die Angetraute klatscht entzückt in die Hände, die Hofdamen kreischen vor Vergnügen und die Mägde verdrehen die Augen nach dem Burschen. Soll er also singen für sein Abendbrot, der Tunichtgut, brummt der Herr und hält sich an den Wein.

Und was tut der singende Herumtreiber? Macht gleich der Dame des Hauses schöne Augen, singt von ewiger Liebe, vergeht in Schmerz und Herzeleid vor unerfülltem Sehnen. Er wirft sich ihr zu Füßen, schwört ewige Treue. Den Weibern quellen die Augen über, die Angetraute seufzt und schenkt ihm einen goldenen Armreif, die Knappen wundern sich, die Ritter murren. Aber der Herr leidet es. Im Gegenteil, je mehr verliebte Blicke und seufzende Damen, je mehr beschenkt der Herr den fahrenden Sänger, bietet ihm gar ein warmes Plätzchen für den nahenden Winter an.

Ich habe ein wenig übertrieben, aber man muss sich schon wundern über die Zeit der Troubadoure. Einerseits boten sie neben der Jagd die einzige Unterhaltung, aber sie machten den Edelfrauen ganz eindeutig den Hof. Natürlich nur platonisch, denn wir befinden uns in einer Zeit, in der Männer sich alles erlauben durften, Frauen dagegen wenig. Ehebrecherische Frauen wurden in Schande davongejagt, verloren Mitgift und Kinder, wenn sie nicht noch schlimmer bestraft wurden. Frauen hielten sich meist unter sich auf, in den abgeschiedenen Frauengemächern. Männer wunderten sich, was sie dort wohl trieben. Überhaupt war das weibliche Geschlecht ihnen fremd, manchmal gar unheimlich, sie hielten sich lieber an ihre kriegerischen Kumpane, mit denen sie sich betranken.

Und doch wurde diese höfische „reine“ Liebe und Verführung quasi vor aller Augen zelebriert. Die Troubadoure machten es vor, die anderen nach. Ob diese Liebe immer so rein blieb, sei dahingestellt, aber alle schienen das Spiel zu lieben, ein Spiel mit dem Feuer. Es gibt ein berühmtes Buch, „Die Kunst der höfischen Liebe“ von Andreas Capellanus, einem Mönch aus dem späten 12. Jahrhundert. Darin macht er Vorschläge, wie der verliebte Dialog zu führen sei. Und zwar unterschiedlich zwischen Adeligen unter sich, zwischen Bürgerlichen oder einem Adeligen und einer Bürgersfrau und umgekehrt. Ein wahres Handbuch der höfischen Verführung.

Es muss also fast schon ein Volkssport gewesen sein. Denn die Liebe suchte man nicht in der Ehe. Ehen waren Vermögenspakte, keine Liebesheiraten. Aber trotz aller Liebesschwüre blieb es nur platonisch. Zumindest durfte man sich nicht erwischen lassen. Überliefert ist ein Gerichtsurteil über ein ehebrecherisches Pärchen, sie war jedenfalls verheiratet, das in flagranti erwischt worden war. Sie wurden nackt unter Schimpf und Schande durch die Stadt getrieben, wobei sie ihn an einem Bindfaden führen musste, der an seinem Penis verknotet war. Die Sache konnte also durchaus bös enden.
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Der traumatisierte Troubadour

Jaufré Rudel war ein bekannter südfranzösischer Troubadour des frühen 12. Jahrhunderts. Er war der Sohn eines Kleinfürsten aus der Gegend der Gironde in Aquitanien. Von seinem Leben sind nur wenige Einzelheiten überliefert, außer dem, was seinen acht erhaltenen Liedern zu entnehmen ist und einer kurzen mittelalterlichen Biographie (vida).

Ein Ereignis muss ihn sehr beschäftigt haben, denn es wird mit großer Melancholie in einem seiner Lieder beschrieben. Troubadoure lebten vom Mäzenatentum der Fürsten und Kastellane. Sie zogen von Hof zu Hof, verbrachten manchmal sogar Jahre am Hof eines ihnen wohlgesonnenen Herrschers. Ihr zentrales Thema war die Liebe, meist die reine, platonische Liebe zu einer edlen Dame, der sie sich romantisch verbunden gaben.

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Ganz so platonisch muss es allerdings nicht immer zugegangen sein, wie Jaufrés Geschichte bezeugt. Er hatte sich wohl unsterblich in eine Schöne bei Hofe verliebt. Wer sie war, bleibt uns verborgen. Er muss sie lange umworben und bedrängt haben, bis sie sich eines Tages bereit erklärte, ihm ein süßes Stelldichein in ihrer Schlafkammer zu gewähren. Überglücklich schlich er sich in ihre Kammer, fand die Dame seines Herzens jedoch nicht vor, nahm aber wohlgemut an, sie müsse gleich erscheinen. Die Liebesbeziehung muss, zumindest in seinen Augen, schon recht fortgeschritten gewesen sein, denn in seiner freudigen Erwartung zögerte er nicht, sich schon mal seiner Kleider zu entledigen und es sich in ihrem Bett bequem zu machen. Vielleicht hatte sie ihm so etwas ja auch angedeutet, wer weiß?

Aber, oh Schrecken, als die Kammertür aufflog, war es nicht seine geliebte Dame, sondern eine ganze Horde junger Höflinge, die ihn johlend aus dem Bett rissen und ihn zur allgemeinen Belustigung nackt durch die Burg trieben.

Welch eine Scham, welche Erniedrigung, die ihm da angetan worden war. Ein Geschöpf, das er hoch verehrte, hatte ihm einen solch niederträchtigen Streich gespielt. Auch andere Troubadoure bestätigen, dass ihn die Sache jahrelang traumatisierte. Ich zitiere ein paar Zeilen aus seinem Lied:

Mein Herz wird für immer daran leiden,
Denn dass sie lachend davonliefen,
Das verfolgt mich im Traum und in meinen Seufzern.

Nach diesem Erlebnis hielt er sich von Hofdamen fern. Seine Liebe sollte in Zukunft nur noch einer Dame gehören, die zwar einen Namen und ein Gesicht hatte, es in Wirklichkeit aber nur in seiner Fantasie gab, die für ihn unerreichbar ferne Fürstin von Tripolis, der er alle Tugenden andichtete. Tatsächlich hat er sie am Ende seiner Tage aber doch noch kennengelernt, aber das ist eine andere Geschichte.
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Kannibalismus unter den Kreuzrittern

Was mich an der gegenwärtigen Debatte um Herrn Sarrazin so nervt, ist, dass Manche seine lächerlichen Thesen auch noch ernst nehmen. Wie borniert muss man sein, sich einzubilden, wir gehörten zu einem besseren Gen-Pool? Und das auch noch in Deutschland, mit unserer Vergangenheit. Auch die Islamdebatte ist oft extrem nervig und voreingenommen. Was soll denn so großartig an unserer christlich-abendländischen Kultur sein? Vergisst man, wie viel Leid diese Kultur über andere Menschen gebracht hat?

Es ist immer wieder interessant, Parallelen in der Geschichte zu finden. Besonders bei meiner Recherche über den Ersten Kreuzzug sind mir so viele schreckliche Sachen untergekommen, dass einem schlecht wird. Ein wahlloses Morden von Zivilisten aller Religionen, das Ausrotten ganzer Städte, in Jerusalem konnte man laut Zeugen im Blut bis an die Knie waten. Alles im Namen des Kreuzes.

Aber das Allerschlimmste war doch das folgende Ereignis. Ich zitiere aus dem „Bastard von Tolosa“:

Wie könnte ein Mann jemals Ma’arrat-an-Numan vergessen? Ungehindert von den Fürsten war der Pöbel plündernd in diese unglückliche Stadt eingedrungen. Dabei war es zu fürchterlichsten Maßlosigkeiten gekommen. Die sogenannten tafurs, die Ärmsten unter den Armen der militia, dreckig, zerlumpt, halb verhungert, sie hatten Muslime bei lebendigem Leibe gekocht und sich johlend um ihr Fleisch gebalgt, ja sogar Kinder auf Spießen gebraten und gelacht, während sie diese vertilgten.

Es ist wirklich, wie in mehreren Chroniken berichtet, geschehen. Und die Anführer, in diesem Fall Bohemund von Tarent und Raimund von Toulouse, sie ließen es zu. Das schockierte die muslimische Welt noch Jahrhunderte später. Nicht umsonst waren wir „Franken“, wie alle Kreuzritter genannt wurden, nichts als Menschenfresser für die Menschen im Vorderen Orient.

Dies ist nur ein Beispiel von unzähligen in unserer Geschichte. Es gibt wirklich keinen Grund sich auf die eigene Kultur oder gar Gene etwas einzubilden.
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Wie sauber war das Mittelalter?

schropfen

Die Idee, dass sich die Menschen im Mittelalter selten gewaschen haben sollen, hält sich hartnäckig, ist aber mit Sicherheit falsch. Schon die Germanen legten auf tägliche Körperhygiene wert, und im Hochmittelalter waren öffentliche Badestuben sehr beliebt.Ein Minnesänger soll seine Armut beklagt haben, die ihm nicht erlaube, sich mehr als nur einmal am Tag den Gang zur Badestube leisten zu können.
Es wurde nicht nur gebadet, sondern der Bader kümmerte sich auch ums Rasieren und Haarschneiden, um Pflege und Kosmetik, um Zähneziehen und kleinere medizinische und chirurgische Eingriffe. Dies zeigt das nebenstehende Bild, in dem eine Dame gerade geschröpft wird.

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Morgens nach dem Frühstück ging die brave Bürgersfrau mit den Kleinen zum Bader, abends dagegen der Hausherr. Während tagsüber ein Vorhang die Bereiche für Männlein und Weiblein trennte, ging es zu vorgerückter Stunde gemischter zu. Allerdings bestand dann die Weiblichkeit eher aus willigen Badenixen, deren Dienste käuflich waren. Das zweite Bild zeigt solch ein fröhlich feuchtes Treiben, die Gäste in den Badezubern, darüber ein auf einer Tafel ausgebreitetes Festgelage, während ein Spielmann für musikalische Unterhaltung sorgt. Im Hintergrund sind Alkoven für intimere Spiele zu erkennen. „Der Bastard von Tolosa“ enthält eine solche Szene in einem anrüchigen Badehaus in Tripolis, in der es ähnlich pikant zugeht.
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