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Afghanistan

Zeitreise im historischen Roman?

crusadersmoslems
In wieweit darf man oder soll man in einem historischen Roman Parallelen zwischen historischer Vergangenheit und unserer Gegenwart ziehen?

Nach der Meinung von Bernd Giehl tue ich dies nicht genug. In seiner Besprechung des „Der Bastard von Tolosa“ im Blog des Glarean Magazins („Ohne Widerhaken im Denken“) findet er frappierende Ähnlichkeiten zwischen meiner Darstellung der ersten Jahre nach dem Kreuzzug von 1096 und dem Krieg in Afghanistan der heutigen Zeit:
„Alles ist vorhanden in Ulf Schiewes Erstling «Bastard von Tolosa»: Die Taliban – nur dass sie in diesem Roman «Sarrasin» heißen, oder auch mal «Seldschuken»; Al Quaida, deren Kämpfer hier «Haschaschin» genannt werden, Assassinen (das Wort gibt es heute noch im Französischen für Selbstmörder); Die internationalen Truppen der ISAF, nur dass sie nicht Amerikaner, Briten, Kanadier oder Deutsche sind, sondern Provenzalen oder Normannen. Es geht auch nicht um die Befreiung Afghanistans, sondern um die Eroberung des Heiligen Landes durch ein Kreuzritter-Heer im 11. Jahrhundert. Und der, der den Feldzug befohlen hat, heißt nicht George Bush, sondern Papst Urban. Genauso scheinheilig wie im «Krieg gegen den Terror» sind auch hier die Gründe. Nur dass sie nicht «Demokratie» oder «Rechte der Frauen» heißen, sondern «Befreiung des Heiligen Grabs» oder «Rückeroberung Jerusalems». Auch die Durchhalteparolen werden gegeben, genau so, wie das sinnlose Morden von den sensibleren Naturen beklagt wird.“
Natürlich kann man solche Parallelen ziehen. Bei meiner Recherche und auch beim Schreiben sind mir selbstverständlich ähnliche Gedanken gekommen. Ich will auch nicht leugnen, dass meine Darstellung der Situation in Outremer des Jahres 1110 dem Leser sogar bewusst auf solche Gedanken bringen kann. Aber ich überlasse es dem Leser, daraus seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Natürlich wiederholt sich vieles in der Geschichte der Menschheit. Und es ist ja auch der Sinn eines Romans, sich neben Handlung und Plot mit dem ewig Menschlichen auseinanderzusetzen, oder aus der Geschichte zu lernen, etwas daraus zu ziehen, das uns auch heute angeht.
Aber dies ist Bernd Giehl nicht genug. Ich zitiere: „Alles ist vorhanden, und womöglich wiederholt sich ja auch alles, wie es Nietzsche schon wusste, nur dass Ulf Schiewe die Möglichkeit der «Ewigen Wiederkehr» seinen Lesern nicht zumuten möchte. Wahrscheinlich wäre es ein spannendes Unternehmen, die Kreuzzüge und den «Krieg gegen den Terror» in Afghanistan einmal gegeneinander zu schneiden und miteinander zu verschränken, aber das hieße ja, den Leser zum Denken zu zwingen. Und Bücher, bei denen man denken muss, werden nicht in hunderttausender Stückzahlen gekauft. Womöglich werden sie nicht einmal gedruckt.“
Ganz abgesehen von den etwas abfälligen Bemerkungen über Leser und Denken (!), was Herr Giehl hier fordert, würde sich sicher gut in einem Sachbuch machen. Ich sehe aber kaum die Möglichkeit, so etwas in einem historischen Roman unterzubringen. Höchstens als Fantasy-Zeitreiseroman, was gar nicht mein Genre ist. Ich finde, es genügt völlig, wenn Leser wie Herr Giehl beim Lesen meines Romans schon von selbst draufkommen, wie er es ja ganz offensichtlich getan hat. Darüber kann ich mich nur freuen.

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