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Gemeinschaftsroman

Die Rettung des Kölner Stadtgedächtnisses

Am 27. September 2012 empfangen Dr. Stefan Lafaire und seine Mitarbeiter uns Autoren, die am Gemeinschaftsroman „Die Vierte Zeugin“ mitgewirkt haben, um uns mit den Restaurationsbemühungen des Kölner Stadtarchivs vertraut zu machen. Dr. Lafaire ist der Vorstandsvorsitzende der Stiftung „Stadtgedächtnis“, die mit diesen Arbeiten beauftragt ist.

“Durch den Einsturz des Historischen Archivs verliert nicht nur Köln, sondern ganz Europa seine Identität. Würden wir die Archivalien nicht restaurieren, wäre unsere Geschichte von nun an manipulierbar”, sagt er und nennt uns ein paar beindruckende Zahlen. Vor dem katastrophalen Einsturz umfasste das Archiv 1.100 Jahre Geschichte und stellte mit seinen 700 Jahren ununterbrochener Sammlungstätigkeit eines der bedeutendsten, historischen Archive Europas dar. 30.000 Regalmeter Akten, 65.000 Urkunden aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit, allein 1.800 mittelalterliche Handschriften.

Wir waren fasziniert von der unglaublichen Sysiphus-Arbeit der Restaurationsbemühungen. In klimatisierten, staubfreien Hallen arbeitet unermüdlich eine ganze Heerschar weiß bekittelter Menschen, um das Gedächtnis der Stadt Köln wiederherzustellen.

Erstaunlich teilweise die Vorgehensweise. Nach dem Einsturz des Archivs lag praktisch alles unter Trümmern in einem riesigen Schlammloch. Die Dokumente wurden mit dem Bagger ans Tageslicht gefördert und zunächst mit Wasser abgespült, um den gröbsten Dreck abzuwaschen. Nach reiflicher Überlegung hatte man sich geeinigt, dies sei noch die schnellste und sanfteste Methode, um die schlimmsten Verunreinigungen zu entfernen.

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Dann, um zerstörerischen Pilzbefall zu verhindern, wurden die nassen Dokumente sofort eingefroren und in diesem Zustand in großen Kühlhallen gelagert. Nacheinander werden sie nun hervorgeholt und in einer Gefriertrockenanlage getrocknet. Danach wird den Dokumenten die korrekte Feuchtigkeit wieder zugeführt, sie werden sanft geglättet und einzeln, von Hand, sorgfältig entstaubt, gereinigt, restauriert und neu archiviert. Eine Arbeit, die möglicherweise noch 20-30 Jahre dauern wird und bis zu 400 Millionen EURO verschlingen könnte. Man schätzt aber, dass dadurch bis zu 95% der Dokumente gerettet werden können. Allerdings hofft die Stiftung neben den Mitteln, die die Stadt bereitstellen kann, auf private Sponsoren und Spender.

Und um eine dieser Handschriften (siehe im Bild) ging es ja im Roman „Die Vierte Zeugin“. Denn „unser“ Dokument, eine alte Gerichtsakte aus dem Jahre 1535 existiert tatsächlich und konnte durch die Spenden des Autorenkreises Quo Vadis restauriert werden. Dieses alte und nun gerettete Pergament vor uns zu sehen, das war schon ein bewegender Augenblick. Ein gutes Gefühl, dass wir Autoren mit unserem Roman ein wenig dazu beitragen konnten, die gewaltigen Restaurierungsarbeiten der Stiftung zu würdigen und populärer zu machen.


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Von links nach rechts: Dr. Stefan Lafaire, Tanja Schurkus, Jürgen Roters, Caren Benedikt, Katrin Burseg, Ulf Schiewe, Peter Prange, Marlene Klaus, Lena Falkenhagen, Heike Koschyk, Oliver Pötzsch, Alf Leue, Martina André, Titus Müller. Foto: Philipp Müller

Weitere Links:

Website des Romans: Die Vierte Zeugin
Der Empfang im Rathaus: „Botschafter des Kölner Stadtarchivs


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Nachtrag zum Gemeinschaftsroman

Ich hatte vor kurzem berichtet, dass sich zwölf Autoren, darunter auch ich selbst, zusammengeschlossen haben, um gemeinsam einen historischen Roman zu schreiben. Dazu möchte ich heute etwas korrigierend und ergänzend erwähnen, denn es hat sich jetzt herausgestellt, dass ich die Vorgehensweise etwas missverstanden hatte.

Da mir die ersten Kapitel zugefallen waren, und darin schon fast die meisten der Figuren vorkommen oder erwähnt werden, hatte ich fälschlicherweise angenommen, diese Figuren zumindest im Ansatz schon entwerfen zu müssen.

Tatsächlich ist es aber so, dass jeder Autor nur eine für ihn zentrale Figur hat, die er für sich selbst und für alle anderen ebenfalls gültig entworfen hat und aus deren Sicht er seine zwei Kapitel schreibt. Dadurch ergibt sich jeweils eine andere Beobachtersicht auf die Protagonistin wie auch auf weitere Figuren des Romans, möglicherweise auch eine ganz individuelle Interpretation der Fakten. Wie im echten Leben. Jeder sieht, was er sehen will, beziehungsweise zieht daraus seine eigenen Schlüsse.

Vor Beginn haben nun alle Autoren die Figurendatei erhalten, die von den einzelnen Mit-Autoren in Abstimmung erstellt wurde. Jeder hält sich also grundsätzlich an die Figurenbeschreibung des jeweiligen für eine gegebene Persona zuständigen Autors, hat allerdings die Freiheit, alles Geschehen aus dem ganz besonderen Blickwinkel seiner eigenen Figur zu betrachten, also aus der Personal- oder Beobachterperspektive. So wird sich auch Stück für Stück das Bild der Protagonistin durch die unterschiedlichen Betrachter peu à peu verdichten.

Ein interessantes Konzept. Ich bin schon sehr gespannt auf das Ergebnis.
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Gemeinschaftsroman - Ein Giraffenkamel?

Da sind zwölf Autoren, zumeist bekannte Namen, die sich zusammengeschlossen haben, um gemeinsam einen historischen Roman zu schreiben. Und mich hat man eingeladen, mitzumachen. Du meine Güte!

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Das Giraffenkamel von Martin Mißfeldt, 1992

Es ehrt mich natürlich, dass man an mich gedacht hat, obwohl ich ursprünglich einem solchen Unterfangen etwas skeptisch gegenüber stand. Es handelt sich schließlich nicht um zwölf Kurzgeschichten, sondern um einen einzigen durchgängigen Roman. Man fragt sich, wie sollen zwölf Autoren mit ganz unterschiedlichen Herangehensweisen, Ideen und Schreibstilen es schaffen, sich überhaupt auf eine durchgängige Story Line zu einigen?

Das erinnert an das alte Kinderspiel (Kamelzeichnen hieß es, glaube ich), wo mehrere Kinder voneinander verdeckt ein Wesen zeichnen, der eine den Kopf, der andere den Bauch, der dritte die Beine. Hinterher darf man sich dann totlachen, was dabei herausgekommen ist. Wie bei dieser Karikatur von Martin Mißfeldt.

Aber was soll’s, dachte ich, sei kein Spielverderber. Alle zwölf Musketiere haben nun zugesagt und sich verschworen. Außerdem ist das Buch schon verkauft. Ein seriöser Verlag steht dahinter, die Verträge sind unterschrieben. Nun ist es ernst damit. Also, schaun mer mal, wie der Franz sagt.

Meine ursprüngliche Skepsis hat sich inzwischen aber gelegt, denn die beiden Autoren, die das Projekt organisieren, haben es wirklich gut vorbereitet. Sie haben eine interessante Story gefunden, wochenlang die Hintergründe recherchiert, alte Dokumente zutage gefördert, alles aufgeschrieben, die Figuren identifiziert und ein Story Board entworfen. Die Geschichte steht also. Man muss nur noch die Kapitel füllen. Und jeder unserer zwölf Mitstreiter soll 2 Kapitel schreiben, einer nach dem anderen. Die Reihenfolge ist schon festgelegt. Das heißt, jeder der Autoren wird auf dem Inhalt seiner Vorgänger aufbauend die Geschichte vorantreiben.

Ich weiß nicht, wie es bestimmt wurde, aber aus irgendeinem Grund fielen mir die ersten beiden Kapitel zu. Der Vorteil ist, in gewisser Weise habe ich wahrscheinlich die größten Freiheiten, da ich keine Vorgänger habe, und kann meine Fantasie voll entfalten lassen. Andererseits ist ja gerade der Anfang für den Leser so wichtig, um in den Roman hineinzukommen. Ich muss mir also etwas Interessantes ausdenken. Hinzu kommt, dass fast alle wichtigen Figuren schon gleich bei mir auftreten und ich somit die Figurengestaltung quasi geerbt habe. Aussehen, Charakter, Besonderheiten, das nimmt hier alles seinen Ursprung. Ich bin gerade dabei, mich intensiv und schriftlich mit dieser Figurenentwicklung zu beschäftigen. Ich hoffe, meine Autorenkollegn können nachher damit leben, was ich mir ausdenke.

Ich muss zugeben, jetzt macht die Sache Spaß. Ich bin schon sehr gespannt, was am Ende dabei herauskommt. Keine Angst, es sind ja alles erfahrene Autoren. Natürlich wird es ganz unterschiedliche Stilrichtungen geben, aber gerade das soll ja der Reiz dieses Unternehmens sein.

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Wie können zwölf Autoren an einem Roman schreiben?

Letztes Jahr wurde ich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, an einem Gemeinschaftsprojekt für einen historischen Roman mitzuwirken.
Ein ungewöhnliches Angebot, das mich neugierig machte. Zumal die Grundlage des Projekts ein echtes, gerettetes Dokument aus dem unglücklichen Kölner Stadtarchiv darstellte, dessen Restaurierung durch Benefizlesungen der Autorenvereinigung Quo Vadis finanziert worden war. Lebendige Geschichte sozusagen.
Also war ich spontan einverstanden mitzumachen.
Ein bisschen vorschnell, denn nach einer Weile bekam ich doch Bedenken. Wie sollte es möglich sein, überhaupt ein kohärentes Plot zusammenzubekommen ohne endlose Diskussionen oder gar Streitereien? Und was wäre, wenn es am Ende vorne und hinten nicht zusammenpasste? Beim Film nennt man das "script continuity", das heißt von Szene zu Szene muss die Tasse am richtigen Ort stehen, die Krawatte des Schauspielers gleich schief sitzen und er kann die Figur nicht plötzlich anders darstellen, nur weil er am zehnten Drehtag eine andere Idee hatte.
Aber was soll's, ich hatte schließlich zugesagt.
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Doch was Alf Leue und Heike Koschyk, die beiden Herausgeber  und Mitautoren schließlich auf die Beine stellten, war schlicht grandios. Alles war minutiös vorgeplant, ein detailliertes Storyboard stand zur Verfügung, Hintergrundmaterial und Einiges mehr an Recherchen.
Das Konzept, um die besagten Probleme zu lösen, war einfach aber effektiv. Tanja Kinkel und Peter Prange waren für Prolog und Epilog zuständig, und die restlichen Autoren bekamen jeder  eine Figur zugeteilt, die sie im gemeinsamen Figurenplan zu entwerfen und aus deren Sicht sie jeweils zwei Kapitel der Geschichte zu erzählen hatten. Alf und Heike achteten mit Argusaugen, dass die Regeln eingehalten wurden und sich alles nahtlos ineinanderfügte.
Eine Riesenarbeit für die beiden, aber ich glaube, es hat sich gelohnt. Die unterschiedlichen Schreibstile stören keinesfalls, denn sie unterstreichen im Gegenteil die eigene Sichtweise und Eigenart der jeweiligen Figur. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, wie sich jeder selbst überzeugen kann, denn der Roman ist inzwischen unter dem Titel "Die Vierte Zeugin" beim Aufbauverlag erschienen. Es gibt sogar eine Website (
Die Vierte Zeugin). Und hier der Link zu Amazon.
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