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Lesung in der Galerie49, München

Am Freitag, den 11. Januar 2013, um 18:00 findet in der Galerie49, Agnesstr. 49 in München, eine gemeinsame Veranstaltung statt. Die Künstlerin Ursula Fuchs stellt eine Auswahl ihrer abstrakten Werke aus, während ich eine Lesung meines neuen Buches, Die Hure Babylon, abhalte. Dazu gibt es zu trinken, knabbern und diskutieren.

Ich finde, das ist eine interessante Kombination künstlerischer Betätigung. Wir hoffen auf rege Teilnahme.

Ausstellung
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Jetzt hassen sie wieder

Religionen scheinen wieder im Vormarsch zu sein. Allerdings in ihrer hässlicheren Form, den Hasstiraden von fundamentalistischen Glaubensfanatikern. Die findet man unter islamischen Minderheiten, die den Gottesstaat errichten wollen und die Massen zu Gewaltakten anpeitschen, wie wir sie täglich wieder im Fernsehen sehen können. Aber in verminderter Form auch unter amerikanischen Fundamentalisten, die die Erkenntnisse der Evolutionswissenschaften bestreiten und die amerikanische Demokratie so vergiften, dass das Land fast unregierbar wird.

Wir schütteln über Islamisten den Kopf, dabei haben wir uns in der jüngeren Geschichte doch selbst von Hassreden verführen lassen. Da ging es um eine seltsame Rassenideologie. Aber auch religiöser Hass sollte uns Europäern nicht fremd sein. Wie viel Blut ist in unserer Geschichte über viele Jahrhunderte aus religiösen Motiven vergossen worden. Wenn man über die Zeit der Kreuzzüge schreibt, wird einem dies besonders deutlich. Während meiner Recherchen zu „DIE HURE BABYLON“ war ich schockiert zu lesen, mit welchen Argumenten da gearbeitet wurde. Und wie zeitnah dies immer noch ist.

Bernhard von Clairvaux
Nach dem verlustreichen Ersten Kreuzzug hatten die Menschen fünfzig Jahre lang eigentlich die Nase voll von Krieg im Orient, weshalb der Papst mit seinem Aufruf 1246 zum Zweiten Kreuzzeug zunächst niemand hinter dem Ofen hervorlocken konnte. Dann trat der mächtige Abt Bernhard von Clairvaux (später geheiligt) auf den Plan und fachte das Feuer an. Ein großartiger Redner. Ein Menschenverführer, Hassprediger und Einpeitscher der Massen, ein wahrer Göbbels des Mittelalters.
Nachdem das christliche Edessa im Osten gefallen war, baute er geschickt ein Feindbild gegen die „Ungläubigen“ auf. Dass denen dieser Schlag überhaupt gelungen war, sei nur auf die Sündhaftigkeit der Christen zurückzuführen. „Deja vu“, denn das ist ein Argument, das auch die islamischen Fundamentalisten gebrauchen. Und warum zerstöre Gott nicht einfach die Ungläubigen, ist er denn nicht allmächtig? Gute Frage! Bernhards Antwort: weil er euch Sündern die Gelegenheit geben will, euch von der Sünde zu befreien und eure Treue zu Gott zu beweisen. „Statt einer Legion von Engeln schickt er euch, um die Sarazenen zu bestrafen.“
Er spielt also mit dem jüdisch-christlichen Sündenverständnis und Schuldgefühlen, die man den Menschen jahrhundertelang eingeredet hat. Jeder, der ein Schwert zu führen wisse, solle sich den Kriegern Christi anschließen. Und dann gibt es Zitate wie:

kreuzzug
„Ein Ritter Christi tötet mit gutem Gewissen. Und noch ruhiger stirbt er selber, denn wenn er stirbt, kommt er ins Himmelreich. Wenn er tötet, nützt er Christus. Für Christus grausam zu sein, ist die höchste Stufe der Seligkeit.“





Hört sich das alles nicht sehr aktuell an?
Und später, als das Kreuzfahrerheer ausgezogen war, freut er sich über seinen Propagandaerfolg. In den Städten gäbe es jetzt nur noch die Witwen noch lebender Männer. Kanonenfutter also.

Die wahren Motive der Kirche waren auch damals natürlich weniger religiös, als man meinen könnte. In Wirklichkeit ging es um Machtansprüche, um Politik gegenüber dem byzantinischen Kaiserreich, um Land und um den überaus lukrativen Orienthandel.
Religion ist immer am gefährlichsten, wenn sie sich mit Politik vermischt, wenn sie als Machtmittel benutzt wird, um die Massen zu verführen und zu mobilisieren. Gefährlicher und elender als alles andere, denn sie gibt den gläubigen Menschen eine Rechtfertigung für alle Grausamkeiten, die ihnen einfallen könnten, ja ermutigt sie geradezu darin. Denn der fanatisierte Gläubige wähnt sich besser als andere und im vollen Recht, für seinen Gott grausam zu sein.

Die Hure Babylon - Klein
Wenn wir glauben, so etwas haben wir in unseren säkularen Staaten längst hinter uns gelegt, dann ist das nicht richtig. Diese Geisteshaltung begegnet uns heute häufiger denn je, George Bush eingeschlossen.

Das war mit ein Grund, warum „DIE HURE BABYLON“ diesen Titel hat und warum das Buch mehr als nur ein Abenteuerroman geworden ist, sondern auch eine Abrechnung mit jeder Art von fanatischen Verführungsparolen, die nur zu mehr menschlichem Elend führen.






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Wie ein Heiliger ganze Heerscharen in den Tod schickt

Als die Kreuzrittergrafschaft Edessa 1144 von den Türken erobert wird, geht ein Aufschrei durch das christliche Europa. Gottes Bollwerk gegen die Heidenteufel ist gefallen. Hat der himmlische Vater uns verlassen, fragen sich die Menschen. „Nein“, predigt Abt Bernard de Clairvaux zu beiden Seiten des Rheins, „allein unsere Sünden sind es, die den Feinden des Kreuzes ihr Haupt haben erheben lassen. Der Herr könnte eine Legion Engel entsenden, doch er schickt euch, sich seiner Gnade würdig zu erweisen. Gehet und kämpfet für Gottes Ruhm und alle Sünden sollen euch vergeben sein.“

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Nach dem Ersten Kreuzzug 1096 war jedoch der Eifer erlahmt, und so ist niemand so recht bereit, erneut in den Orient zu ziehen, bis sich Bernard de Clairvaux der Sache annimmt. Seine Predigten erzeugen einen enormen Widerhall beim niederen Adel und einfachen Volk. In einem Brief an den Papst meldet Bernard von seiner erfolgreichen Predigtreise: „Ich öffnete meinen Mund; ich sprach; und alsbald vermehrte sich die Zahl der Kreuzfahrer endlos. Dörfer und Städte stehen jetzt verlassen. Kaum, dass man auf sieben Weiber einen Mann fände. Überall gewahrt man Witwen, deren Ehemänner noch unter den Lebenden sind.“

Makabre Worte, die ausdrücken, wiewohl er doch wusste, dass er diese Männer in den Tod schickte. Seltsam für jemanden, den schon viele zu Lebzeiten einen Heiligen nannten, einen Priester und Fürsprecher eines Gottes der Liebe, der von der Sanftheit der Mutter Gottes schwärmte.

Überhaupt scheint Bernard de Clairvaux ein Mensch voller Gegensätze gewesen zu sein. Der Poesie und der Literatur zugetan liebte er jedoch am meisten das Studium der Bibel. Bedeutende theologische Werke hat er hinterlassen, und seine besondere Verehrung gehörte der Jungfrau Maria in ihrer Rolle als Mittlerin zwischen Gott und den Menschen. Er war vom Ideal der Armut überzeugt, vom einfachen Leben in Demut vor Christus. Sämtliche Titel und Ämter, die man ihm aufdrängte, hat er zurückgewiesen, außer dem eines einfachen Abtes von Clairvaux, das er sein Leben lang bekleidete. Er wünschte sich nichts anderes als die Stille des Klosterlebens, den täglichen Rhythmus der Gebete und des zurückgezogenen Lebens, um sich seinen Studien und theologischen Arbeiten widmen zu können.

So jedenfalls behauptete er. Umso verwunderlicher, dass in seinem Namen 163 Klöster gegründet wurden, die er eisern beherrschte, dass er zur einflussreichsten Figur seiner Zeit aufstieg, dass er immer wieder gerufen wurde, in die Welt hinauszuziehen und die Probleme von Kirche und hoher Politik zu lösen. Er wurde Berater von Königen und Päpsten und hatte am Ende mehr Macht als der Papst selbst. Ein frommer Mann, der sich sein Lebtag lang mühte, bescheiden zu leben, ein verhinderter Eremit, ein Asket, der dennoch nicht von der Welt lassen konnte, den sein zweites Naturell dazu trieb, seine Fähigkeiten als geborener Menschenführer, Politiker und Diplomat zu nutzen, ein gewaltiger Redner, der ganze Scharen von Menschen überzeugen konnte und so das Geschick Europas entscheidend mitbestimmt hat.

Lactatio
Von der Notwendigkeit eines zweiten Kreuzzugs war er wie besessen. Um die Menschen zu bewegen, sich daran zu beteiligen, scheute er auch nicht vor frommen Fabrikationen zurück. Ob von ihm selbst erfunden, sei dahingestellt, aber während seiner Predigten in Speyer entstand die „Lactatio-Legende“, nach der die Jungfrau Maria höchstpersönlich ihn durch die Milch ihrer Brüste mit Weisheit genährt haben soll. Und für einen Mann des Friedens hatte er ziemlich radikale Ansichten. "Ein Ritter Christi tötet mit gutem Gewissen, noch ruhiger stirbt er selber. Wenn er stirbt, nützt er sich selbst, wenn er tötet, nützt er Christus." So wird er zitiert. Und weiter: "Hier für Christus grausam zu sein, ist die höchste Stufe der Seligkeit."

Als der Kreuzzug am Ende zum Reinfall und zur Erniedrigung für die beteiligten Herrscher Frankreichs (Ludwig VII) und Deutschlands (Konrad III) wurde, fiel dies negativ auf Bernard zurück. Schuld sei die Sündhaftigkeit der Kreuzfahrer gewesen, so seine Erklärung. Gott habe sie gestraft.
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Kannibalismus unter den Kreuzrittern

Was mich an der gegenwärtigen Debatte um Herrn Sarrazin so nervt, ist, dass Manche seine lächerlichen Thesen auch noch ernst nehmen. Wie borniert muss man sein, sich einzubilden, wir gehörten zu einem besseren Gen-Pool? Und das auch noch in Deutschland, mit unserer Vergangenheit. Auch die Islamdebatte ist oft extrem nervig und voreingenommen. Was soll denn so großartig an unserer christlich-abendländischen Kultur sein? Vergisst man, wie viel Leid diese Kultur über andere Menschen gebracht hat?

Es ist immer wieder interessant, Parallelen in der Geschichte zu finden. Besonders bei meiner Recherche über den Ersten Kreuzzug sind mir so viele schreckliche Sachen untergekommen, dass einem schlecht wird. Ein wahlloses Morden von Zivilisten aller Religionen, das Ausrotten ganzer Städte, in Jerusalem konnte man laut Zeugen im Blut bis an die Knie waten. Alles im Namen des Kreuzes.

Aber das Allerschlimmste war doch das folgende Ereignis. Ich zitiere aus dem „Bastard von Tolosa“:

Wie könnte ein Mann jemals Ma’arrat-an-Numan vergessen? Ungehindert von den Fürsten war der Pöbel plündernd in diese unglückliche Stadt eingedrungen. Dabei war es zu fürchterlichsten Maßlosigkeiten gekommen. Die sogenannten tafurs, die Ärmsten unter den Armen der militia, dreckig, zerlumpt, halb verhungert, sie hatten Muslime bei lebendigem Leibe gekocht und sich johlend um ihr Fleisch gebalgt, ja sogar Kinder auf Spießen gebraten und gelacht, während sie diese vertilgten.

Es ist wirklich, wie in mehreren Chroniken berichtet, geschehen. Und die Anführer, in diesem Fall Bohemund von Tarent und Raimund von Toulouse, sie ließen es zu. Das schockierte die muslimische Welt noch Jahrhunderte später. Nicht umsonst waren wir „Franken“, wie alle Kreuzritter genannt wurden, nichts als Menschenfresser für die Menschen im Vorderen Orient.

Dies ist nur ein Beispiel von unzähligen in unserer Geschichte. Es gibt wirklich keinen Grund sich auf die eigene Kultur oder gar Gene etwas einzubilden.
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Zeitreise im historischen Roman?

crusadersmoslems
In wieweit darf man oder soll man in einem historischen Roman Parallelen zwischen historischer Vergangenheit und unserer Gegenwart ziehen?

Nach der Meinung von Bernd Giehl tue ich dies nicht genug. In seiner Besprechung des „Der Bastard von Tolosa“ im Blog des Glarean Magazins („Ohne Widerhaken im Denken“) findet er frappierende Ähnlichkeiten zwischen meiner Darstellung der ersten Jahre nach dem Kreuzzug von 1096 und dem Krieg in Afghanistan der heutigen Zeit:
„Alles ist vorhanden in Ulf Schiewes Erstling «Bastard von Tolosa»: Die Taliban – nur dass sie in diesem Roman «Sarrasin» heißen, oder auch mal «Seldschuken»; Al Quaida, deren Kämpfer hier «Haschaschin» genannt werden, Assassinen (das Wort gibt es heute noch im Französischen für Selbstmörder); Die internationalen Truppen der ISAF, nur dass sie nicht Amerikaner, Briten, Kanadier oder Deutsche sind, sondern Provenzalen oder Normannen. Es geht auch nicht um die Befreiung Afghanistans, sondern um die Eroberung des Heiligen Landes durch ein Kreuzritter-Heer im 11. Jahrhundert. Und der, der den Feldzug befohlen hat, heißt nicht George Bush, sondern Papst Urban. Genauso scheinheilig wie im «Krieg gegen den Terror» sind auch hier die Gründe. Nur dass sie nicht «Demokratie» oder «Rechte der Frauen» heißen, sondern «Befreiung des Heiligen Grabs» oder «Rückeroberung Jerusalems». Auch die Durchhalteparolen werden gegeben, genau so, wie das sinnlose Morden von den sensibleren Naturen beklagt wird.“
Natürlich kann man solche Parallelen ziehen. Bei meiner Recherche und auch beim Schreiben sind mir selbstverständlich ähnliche Gedanken gekommen. Ich will auch nicht leugnen, dass meine Darstellung der Situation in Outremer des Jahres 1110 dem Leser sogar bewusst auf solche Gedanken bringen kann. Aber ich überlasse es dem Leser, daraus seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Natürlich wiederholt sich vieles in der Geschichte der Menschheit. Und es ist ja auch der Sinn eines Romans, sich neben Handlung und Plot mit dem ewig Menschlichen auseinanderzusetzen, oder aus der Geschichte zu lernen, etwas daraus zu ziehen, das uns auch heute angeht.
Aber dies ist Bernd Giehl nicht genug. Ich zitiere: „Alles ist vorhanden, und womöglich wiederholt sich ja auch alles, wie es Nietzsche schon wusste, nur dass Ulf Schiewe die Möglichkeit der «Ewigen Wiederkehr» seinen Lesern nicht zumuten möchte. Wahrscheinlich wäre es ein spannendes Unternehmen, die Kreuzzüge und den «Krieg gegen den Terror» in Afghanistan einmal gegeneinander zu schneiden und miteinander zu verschränken, aber das hieße ja, den Leser zum Denken zu zwingen. Und Bücher, bei denen man denken muss, werden nicht in hunderttausender Stückzahlen gekauft. Womöglich werden sie nicht einmal gedruckt.“
Ganz abgesehen von den etwas abfälligen Bemerkungen über Leser und Denken (!), was Herr Giehl hier fordert, würde sich sicher gut in einem Sachbuch machen. Ich sehe aber kaum die Möglichkeit, so etwas in einem historischen Roman unterzubringen. Höchstens als Fantasy-Zeitreiseroman, was gar nicht mein Genre ist. Ich finde, es genügt völlig, wenn Leser wie Herr Giehl beim Lesen meines Romans schon von selbst draufkommen, wie er es ja ganz offensichtlich getan hat. Darüber kann ich mich nur freuen.

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