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Mittelalter

Wer war Robert Guiscard?

Italiener kennen diesen Mann gut. Er ist einer der ihren, Roberto il Guiscardo, der Begründer des Normannenreichs in Süditalien (1015-1085. Und er ist auch Vorfahre Friedrichs des Zweiten, des berühmten deutschen Kaisers, der als Sohn einer normannischen Königstochter in Italien geboren wurde.

Robert Guiscard kämpfte sein Lebtag lang gegen Byzanz. Und so beschreibt die Tochter des byzantinischen Kaisers diesen Mann:

„Dieser Robert war von Geburt Normanne, aus obskurem Geschlecht. Er besaß ein dominierendes und abgefeimtes Wesen; er war ein tapferer Krieger, sehr listig in seinen Angriffen auf Reichtum und Macht von großen Männern; unaufhaltsam in der Erreichung seiner Ziele, klug und beredt in seiner Überzeugungskraft. Er war ein Mann von enormer Größe, der selbst die größten überragte; er hatte eine frische Hautfarbe, blonde Haare, breite Schultern und Augen, die feurige Blitze zu schleudern vermochten. Ein gut gebauter Mann sollte breit hier und schlank dort sein; in ihm war alles wohl proportioniert und elegant. Homer erzählt, dass, wenn Achilles brüllte, es sich wie eine Menge in Aufruhr anhörte. Aber wenn Robert brüllte, so sagen sie, schlug es Zehntausende in die Flucht.“

Robert_Guiscard

Als Normanne stammte er natürlich aus Frankreich, aus dem Contentin. Sein Vater hieß Tancred, aus dem Geschlecht des Hialtus, einem Wikinger. Nach ihm hieß das Dorf Hialtus Vila, woraus Hauteville wurde, der Name dieser berüchtigten Familie. Tancred hatte 12 Söhne, 5 von seiner ersten Frau Muriela und 7 weitere von seiner zweiten Frau Fressenda.

Robert war der älteste aus der zweiten Gruppe und schon immer ein gewiefter Kerl, ein Schlitzohr, daher sein Spitzname, Guiscard. Die 12 Söhne waren große Kerle, mit denen nicht gut Kirschenessen war. Aber Burg und Dorf Hauteville hatte nicht viel zu bieten. Deshalb riet Tancred seinen Söhnen, sich das Erbe, das er ihnen nicht geben konnte, woanders zu suchen.

So kamen sie nach Süditalien, wo ein guter Mann mit dem Schwert sein Glück machen konnte. Vor ihnen hatten sich auch schon andere Normannen bei den zerstrittenen lombardischen Fürsten als Söldner verdingt, doch keine waren so erfolgreich wie die Hauteville Brüder. Erster unter ihnen wurde mit der Zeit Robert Guiscard, der Lombarden austrickste, Byzantiner beraubte und peu à peu ganz Süditalien unter seine Herrschaft brachte. Sein jüngster Bruder Roger half ihm kräftig dabei und unterwarf in zehnjährigem Feldzug ganz Sizilien.

Robert verlangte viel von seinen Männer, war aber großzügig mit seinen Getreuen. Schlau und wagemutig setzte er seine Ziel durch und ließ nicht locker, bis er sie erreicht hatte. Auch sein Bruder Roger war waghalsig bis zum Leichtsinn, aber nicht unterzukriegen.

Die Geschichte dieser Brüder, Roberto und Rogerio d’Altavilla erzähle ich in meiner neuen Romanserie.


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Mein neuer Roman


Das Schwert des Normannen - Klein

Die Normandie im 11. Jahrhundert:
Der berüchtigte Robert Guiscard von Hauteville, genannt das Schlitzohr, ist auf der Flucht nach Süditalien, wo seine Brüder sich als Kriegsherren einen Namen gemacht haben. Unter Roberts Gefährten befindet sich der 17-jährige Gilbert, dessen Herkunft im Dunkeln liegt und der bei den Hautevilles als Schweinehirt aufgewachsen ist. Durch seine Treue und Waghalsigkeit gewinnt er Roberts Vertrauen, der ihn zu seinem engsten Begleiter macht. Sie beginnen als Raubritter, für die nichts als Gold zählt, und sind doch dabei, ein Reich zu schaffen, das in Europa seinesgleichen suchen wird.


Es beginnt mit dem Aufbruch einer flüchtigen Söldnertruppe unter Führung von Robert de Hauteville aus einem kleinen Dorf in der Normandie. Ihr Ziel: Süditalien.
Unter den Gefährten befinden sich der junge Gilbert, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, Gerlaine, ein eigenwilliges Mädchen mit seherischen Fähigkeiten, Gilberts unbekümmerter Freund Thore, der gern den Frauen nachstellt, der bärbeißige Rainulf und der hässliche Ivain mit seinen Wurfäxten, der gewaltige Rollo, der ständig sein Geld verspielt und andere Charakteren. Eine eingeschworene Truppe von unerschrockenen Männern, die ausziehen, im Mezzogiorno ihr Glück zu finden. Wobei sie es nicht so genau nehmen, wen sie überfallen und wessen Gold sie stehlen.
Der waghalsiger Anführer dieser Abenteurer ist Robert Guiscard de Hauteville, den sie das Schlitzohr nennen, ein blonder Hüne, der seinen Männern viel abverlangt, aber alles mit ihnen teilt.
Wegen ihrer Übergriffe sind die Normannen nicht beliebt in Italien. Doch trotz aller Widerstände steigen Robert und seine Brüder von Raubrittern zu Grafen von Apulien auf. Sie wagen es, den lombardischen Prinzen Land zu rauben, dem mächtigen Byzanz zu trotzen und sich dem Papst in einer Entscheidungsschlacht zu stellen.
Erzählt wird von Kriegern und ihren Frauen, von Fürsten und Prinzessinnen, von Liebe und Eifersucht, Mord und Intrigen, vor allem aber die spannende Geschichte der Entstehung des Normannenreichs in Unteritalien und Sizilien.


Die im Roman geschilderten Ereignisse stammen aus den Chroniken der Zeit. Um sie zum Leben zu erwecken, habe ich einige fiktive Figuren und Abenteuer gerankt.
Im Folgenden die Historische Hintergründe zum Roman:

Im zehnten und elften Jahrhundert war Süditalien ein verhältnismäßig reiches Gebiet mit Städten wie Gaeta, Neapel, Amalfi, Benevento, Salerno und Bari, politisch jedoch zerrissen. Die Großmacht im Süden war immer noch Byzanz, das trotz dringender Prioritäten andernorts an seinen Besitzungen in Apulien und Kalabrien festhielt und gerade genug Truppen im Land hielt, um lokale Aufstände niederzuschlagen. Die lombardischen Fürstentümer des westlichen Teils der italienischen Halbinsel waren seit langem in einem erbitterten Ringen um die Vorherrschaft zerstritten. Offiziell huldigten sie dem deutschen Kaiser, aber auch der hatte meist andere Sorgen, als sich um Süditalien zu kümmern.

Das Volk der Region litt unter den immer wieder auftretenden bewaffneten Konflikten, unter den byzantinischen Steuereintreibern und den maurischen Seeräubern, die in vertrauter Regelmäßigkeit das Land heimsuchten und die Bewohner ganzer Dörfer in die Sklaverei verschleppten. Siedlungen und sogar Klöster wurden militärisch befestigt, um sich gegen solche Übergriffe zu schützen, auch gegen solche von benachbarten Herrschern.

In dieser Welt tauchten zu Beginn des elften Jahrhunderts normannische Abenteurer auf, die von den lombardischen Prinzen gern als Söldner angeworben wurden, um ihre Kleinkriege untereinander auszufechten. Bald begannen diese für Mut und Kampfkraft berüchtigten Krieger ihre eigenen Interessen zu verfolgen, Burgen zu bauen und die lombardischen Prinzen gegeneinander auszuspielen. Aversa war die erste normannische Grafschaft, die sogar vom Kaiser bestätigt wurde. Dann, im Zuge einer Revolte gegen Byzanz, an der Normannen sich beteiligten, wurde Melfi erobert, das fortan zum Hauptstützpunkt der normannischen Einwanderer wurde. Die Brüder Williame und Drogo Hauteville hatten sich hervorgetan und wurden zu ihren Anführern gewählt und als Grafen bestätigt. Jahrelang ging es ihnen hauptsächlich um Beute und persönliche Bereicherung.

Mit Onfroi und nach ihm vor allem Robert Guiscard, ebenfalls aus dem Hause Hauteville, begann eine neue Phase der aktiven Landnahme in Süditalien, die schließlich nach der Eroberung Siziliens durch Roger, den jüngsten Sohn der Familie, zur Errichtung eines der bedeutendsten Fürstentümer Europas führte. Auch der spätere deutsche Kaiser Friedrich II., in Süditalien geboren, stammt zur Hälfte von den Hautevilles ab.

Der vorliegende Band erzählt den ersten Teil dieser Entwicklung und endet mit der Schlacht von Civitate, in der der Papst gedemütigt wurde und die Normannen sich zum ersten Mal als eine eigenständige Kraft in Apulien legitimieren konnten.
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Lesung in der Galerie49, München

Am Freitag, den 11. Januar 2013, um 18:00 findet in der Galerie49, Agnesstr. 49 in München, eine gemeinsame Veranstaltung statt. Die Künstlerin Ursula Fuchs stellt eine Auswahl ihrer abstrakten Werke aus, während ich eine Lesung meines neuen Buches, Die Hure Babylon, abhalte. Dazu gibt es zu trinken, knabbern und diskutieren.

Ich finde, das ist eine interessante Kombination künstlerischer Betätigung. Wir hoffen auf rege Teilnahme.

Ausstellung
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Erste Rezensionen zur "Hure Babylon"

Endlich ist mein neuer Roman an den Start gegangen und liegt in den Läden.
Das sind immer nervöse Tage, auch wenn ich mich langsam daran gewöhnen sollte. Trotzdem ist da dieses Lampenfieber und Nägelkauen, wie das Buch wohl aufgenommen wird. Ein Trost, dass mir viele Autorenkollegen bestätigen, es ginge ihnen nicht anders.

Umso mehr freue ich mich über die ersten positiven Rezensionen:

"Die Hure Babylon ist einer der intensivsten und spannendsten Romane aus der Epoche der Kreuzzüge. Grandiose, spannende Momente inmitten von Liebe, Leid und Kämpfen - überzeugend dargestellt."
(
Rezension bei: Things, Books and More)

„Ein farbenprächtiger und hervorragend recherchierter Historienroman, dem es durch seine spannende, abenteuerliche Geschichte problemlos gelingt, einem die gefahrvolle Reise der Kreuzfahrer im 12. Jahrhundert näher zu bringen. Für mich einer der besten Historischen Romane, die ich seit langem gelesen habe.“
(
Rezension bei: Belles Leseinsel)

„Ein berührender Roman, der aufzeigt, dass es keinen Grund gibt, Kreuzzüge zu glorifizieren, aber auch dass Glaube, Liebe und Hoffnung die drei wirklichen göttlichen Tugenden sind, auf die man bauen kann. Fazit: Empfehlenswert.“
(
Rezension bei: Helga König)

Frau König hat außerdem noch ein interessantes Interview zum Buch gebracht.
Zum Interview ...

Es werden gewiss noch andere Rezensionen auftauchen, vielleicht nicht immer so positive. Aber zumindest kann ich mir das Nägelkauen jetzt wieder abgewöhnen. Happy
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Die Rettung des Kölner Stadtgedächtnisses

Am 27. September 2012 empfangen Dr. Stefan Lafaire und seine Mitarbeiter uns Autoren, die am Gemeinschaftsroman „Die Vierte Zeugin“ mitgewirkt haben, um uns mit den Restaurationsbemühungen des Kölner Stadtarchivs vertraut zu machen. Dr. Lafaire ist der Vorstandsvorsitzende der Stiftung „Stadtgedächtnis“, die mit diesen Arbeiten beauftragt ist.

“Durch den Einsturz des Historischen Archivs verliert nicht nur Köln, sondern ganz Europa seine Identität. Würden wir die Archivalien nicht restaurieren, wäre unsere Geschichte von nun an manipulierbar”, sagt er und nennt uns ein paar beindruckende Zahlen. Vor dem katastrophalen Einsturz umfasste das Archiv 1.100 Jahre Geschichte und stellte mit seinen 700 Jahren ununterbrochener Sammlungstätigkeit eines der bedeutendsten, historischen Archive Europas dar. 30.000 Regalmeter Akten, 65.000 Urkunden aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit, allein 1.800 mittelalterliche Handschriften.

Wir waren fasziniert von der unglaublichen Sysiphus-Arbeit der Restaurationsbemühungen. In klimatisierten, staubfreien Hallen arbeitet unermüdlich eine ganze Heerschar weiß bekittelter Menschen, um das Gedächtnis der Stadt Köln wiederherzustellen.

Erstaunlich teilweise die Vorgehensweise. Nach dem Einsturz des Archivs lag praktisch alles unter Trümmern in einem riesigen Schlammloch. Die Dokumente wurden mit dem Bagger ans Tageslicht gefördert und zunächst mit Wasser abgespült, um den gröbsten Dreck abzuwaschen. Nach reiflicher Überlegung hatte man sich geeinigt, dies sei noch die schnellste und sanfteste Methode, um die schlimmsten Verunreinigungen zu entfernen.

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Dann, um zerstörerischen Pilzbefall zu verhindern, wurden die nassen Dokumente sofort eingefroren und in diesem Zustand in großen Kühlhallen gelagert. Nacheinander werden sie nun hervorgeholt und in einer Gefriertrockenanlage getrocknet. Danach wird den Dokumenten die korrekte Feuchtigkeit wieder zugeführt, sie werden sanft geglättet und einzeln, von Hand, sorgfältig entstaubt, gereinigt, restauriert und neu archiviert. Eine Arbeit, die möglicherweise noch 20-30 Jahre dauern wird und bis zu 400 Millionen EURO verschlingen könnte. Man schätzt aber, dass dadurch bis zu 95% der Dokumente gerettet werden können. Allerdings hofft die Stiftung neben den Mitteln, die die Stadt bereitstellen kann, auf private Sponsoren und Spender.

Und um eine dieser Handschriften (siehe im Bild) ging es ja im Roman „Die Vierte Zeugin“. Denn „unser“ Dokument, eine alte Gerichtsakte aus dem Jahre 1535 existiert tatsächlich und konnte durch die Spenden des Autorenkreises Quo Vadis restauriert werden. Dieses alte und nun gerettete Pergament vor uns zu sehen, das war schon ein bewegender Augenblick. Ein gutes Gefühl, dass wir Autoren mit unserem Roman ein wenig dazu beitragen konnten, die gewaltigen Restaurierungsarbeiten der Stiftung zu würdigen und populärer zu machen.


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Von links nach rechts: Dr. Stefan Lafaire, Tanja Schurkus, Jürgen Roters, Caren Benedikt, Katrin Burseg, Ulf Schiewe, Peter Prange, Marlene Klaus, Lena Falkenhagen, Heike Koschyk, Oliver Pötzsch, Alf Leue, Martina André, Titus Müller. Foto: Philipp Müller

Weitere Links:

Website des Romans: Die Vierte Zeugin
Der Empfang im Rathaus: „Botschafter des Kölner Stadtarchivs


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Jetzt hassen sie wieder

Religionen scheinen wieder im Vormarsch zu sein. Allerdings in ihrer hässlicheren Form, den Hasstiraden von fundamentalistischen Glaubensfanatikern. Die findet man unter islamischen Minderheiten, die den Gottesstaat errichten wollen und die Massen zu Gewaltakten anpeitschen, wie wir sie täglich wieder im Fernsehen sehen können. Aber in verminderter Form auch unter amerikanischen Fundamentalisten, die die Erkenntnisse der Evolutionswissenschaften bestreiten und die amerikanische Demokratie so vergiften, dass das Land fast unregierbar wird.

Wir schütteln über Islamisten den Kopf, dabei haben wir uns in der jüngeren Geschichte doch selbst von Hassreden verführen lassen. Da ging es um eine seltsame Rassenideologie. Aber auch religiöser Hass sollte uns Europäern nicht fremd sein. Wie viel Blut ist in unserer Geschichte über viele Jahrhunderte aus religiösen Motiven vergossen worden. Wenn man über die Zeit der Kreuzzüge schreibt, wird einem dies besonders deutlich. Während meiner Recherchen zu „DIE HURE BABYLON“ war ich schockiert zu lesen, mit welchen Argumenten da gearbeitet wurde. Und wie zeitnah dies immer noch ist.

Bernhard von Clairvaux
Nach dem verlustreichen Ersten Kreuzzug hatten die Menschen fünfzig Jahre lang eigentlich die Nase voll von Krieg im Orient, weshalb der Papst mit seinem Aufruf 1246 zum Zweiten Kreuzzeug zunächst niemand hinter dem Ofen hervorlocken konnte. Dann trat der mächtige Abt Bernhard von Clairvaux (später geheiligt) auf den Plan und fachte das Feuer an. Ein großartiger Redner. Ein Menschenverführer, Hassprediger und Einpeitscher der Massen, ein wahrer Göbbels des Mittelalters.
Nachdem das christliche Edessa im Osten gefallen war, baute er geschickt ein Feindbild gegen die „Ungläubigen“ auf. Dass denen dieser Schlag überhaupt gelungen war, sei nur auf die Sündhaftigkeit der Christen zurückzuführen. „Deja vu“, denn das ist ein Argument, das auch die islamischen Fundamentalisten gebrauchen. Und warum zerstöre Gott nicht einfach die Ungläubigen, ist er denn nicht allmächtig? Gute Frage! Bernhards Antwort: weil er euch Sündern die Gelegenheit geben will, euch von der Sünde zu befreien und eure Treue zu Gott zu beweisen. „Statt einer Legion von Engeln schickt er euch, um die Sarazenen zu bestrafen.“
Er spielt also mit dem jüdisch-christlichen Sündenverständnis und Schuldgefühlen, die man den Menschen jahrhundertelang eingeredet hat. Jeder, der ein Schwert zu führen wisse, solle sich den Kriegern Christi anschließen. Und dann gibt es Zitate wie:

kreuzzug
„Ein Ritter Christi tötet mit gutem Gewissen. Und noch ruhiger stirbt er selber, denn wenn er stirbt, kommt er ins Himmelreich. Wenn er tötet, nützt er Christus. Für Christus grausam zu sein, ist die höchste Stufe der Seligkeit.“





Hört sich das alles nicht sehr aktuell an?
Und später, als das Kreuzfahrerheer ausgezogen war, freut er sich über seinen Propagandaerfolg. In den Städten gäbe es jetzt nur noch die Witwen noch lebender Männer. Kanonenfutter also.

Die wahren Motive der Kirche waren auch damals natürlich weniger religiös, als man meinen könnte. In Wirklichkeit ging es um Machtansprüche, um Politik gegenüber dem byzantinischen Kaiserreich, um Land und um den überaus lukrativen Orienthandel.
Religion ist immer am gefährlichsten, wenn sie sich mit Politik vermischt, wenn sie als Machtmittel benutzt wird, um die Massen zu verführen und zu mobilisieren. Gefährlicher und elender als alles andere, denn sie gibt den gläubigen Menschen eine Rechtfertigung für alle Grausamkeiten, die ihnen einfallen könnten, ja ermutigt sie geradezu darin. Denn der fanatisierte Gläubige wähnt sich besser als andere und im vollen Recht, für seinen Gott grausam zu sein.

Die Hure Babylon - Klein
Wenn wir glauben, so etwas haben wir in unseren säkularen Staaten längst hinter uns gelegt, dann ist das nicht richtig. Diese Geisteshaltung begegnet uns heute häufiger denn je, George Bush eingeschlossen.

Das war mit ein Grund, warum „DIE HURE BABYLON“ diesen Titel hat und warum das Buch mehr als nur ein Abenteuerroman geworden ist, sondern auch eine Abrechnung mit jeder Art von fanatischen Verführungsparolen, die nur zu mehr menschlichem Elend führen.






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Wahr spricht, wer mich unersättlich nennt ...

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Im Herbst kommt ein neues Buch von mir.

Arnaut und die Fürstin Ermengarda (aus "Die Comtessa") entzweien sich, und Arnaut bricht zum unglücklichen Zweiten Kreuzzug auf, der in einem vollständigen Desaster endet. Das deutsche Heer wird vernichtet. Das fränkische gibt am Ende auf. Arnaut erlebt eine Menge schlimmer Dinge unterwegs, während Ermengarda auf ihn wartet, nicht wissend, ob er jemals heimkehren wird.

Zur Einstimmung für meine Leser eine kleine Szene mitten aus dem Buch. Ermengarda debattiert mit dem Troubadour Peire Rogier über Liebe und Dichtung. Rogier spielt auf Arnauts Abwesenheit an. Das Gedicht, das am Ende zitiert wird, ist sehr bekannt und stammt von Jaufré Rudel, eben aus dieser Zeit. Jaufré begab sich selbst auch auf diesen Kreuzzug und die "ferne Liebe", die er im Kopf hatte, war Hodierna, die Gräfin von Tripolis.

Aber nun der Auszug:

„Sag mir Rogier, was ist die Liebe?“

Verwirrt blickte er mich aus dunklen Augen an, die immer ein wenig an feuchte Hundeaugen erinnerten. Eine Täuschung, denn mein guter Sängerfreund konnte ziemlich frech und respektlos sein, besonders in seinen Spottliedern. Man hörte auch gewisse Geschichten über ihn, von durchzechten Nächten in üblen Spelunken, vom Umgang mit zwielichtigen Gestalten und wüsten Weibern.

„Warum fragst du mich das, Midomna? Es weiß doch jeder, was Liebe ist.“

„Ich will es aber von dir hören, von einem Kenner sozusagen. Du hast dir einen gewissen Ruf erworben, mein Guter.“

„Seit wann achtest du auf dummes Geschwätz, Ermengarda? Ich bitte dich.“

Ich musste über sein besorgtes Gesicht lächeln. „Hast du vielleicht etwas zu verbergen?“

„Natürlich nicht“, schmollte er in gespielter Entrüstung. „Meine Seele liegt allein dir zu Füßen und du trampelst darauf herum.“

„Ach, Peire“, lachte ich. „Du bist unverbesserlich.“

Wir hatten einen müßigen Nachmittag am warmen Kamin verbracht, mit Liedern, unterhaltsamen Geschichten und auch ein wenig Klatsch und Tratsch, wie es sich so ergibt, wenn man in angenehmer Gesellschaft zusammensitzt und nichts Besseres zu tun hat. Raimon und andere Freunde bei Hofe hatten sich gerade verabschiedet und auch Domna Anhes war davongeeilt, um Anordnungen für das Abendmahl zu treffen, denn wir gaben einen Empfang für Würdenträger der Stadt. Peire Rogier und ich waren allein zurückgeblieben.

„Zweifelst du an meiner Aufrichtigkeit?“, fragte er.

Es war ein Spiel. Es gehörte zu seiner Rolle bei Hofe, dass er sich als schmachtender Bewunderer der Fürstin aufführte. Aber nach den vielen Liedern an diesem Nachmittag und dem schamlosen Geplapper über Wer mit Wem war ich nicht mehr dazu aufgelegt.

„Jetzt mal im Ernst“, sagte ich. „Einer wie du, der ungebunden ist, der sich vergnügt und alles nimmt, was sich ihm darbietet ...“ Er machte eine entrüstete Handbewegung, als müsse er solche Anschuldigungen weit von sich weisen. „Leugne nicht, Peire“, sagte ich mit erhobenem Zeigefinger und gespieltem Zorn. „Mir ist so Einiges zu Ohren gekommen, was dich betrifft. Aber darum geht es mir gar nicht. Du lebst die Liebe in vollen Zügen, du denkst über sie nach und du verewigst sie in deinen Versen. Deshalb sag mir, was ist für dich die Liebe?“

„Was für eine Frage, mon Dieu“, sagte er, wieder versöhnt. „Mit der Antwort könnte man ein ganzes Buch füllen, dicker als die Bibel.“

„Nun zier dich nicht.“

„Eigentlich, das Wort selbst, amor, erklärt schon alles“, sagte er mit einem Augenzwinkern. „Es kommt von amus, was so viel wie fangen oder gefangen sein bedeutet. Der Liebende ist Gefangener in den Ketten seiner Begierde und wünscht nichts sehnlicher, als auch den anderen mit diesem Haken zu fangen.“

„Du bist ein Esel, Peire“, lachte ich. „Der Haken heißt hamus und nicht amus und hat mit der Liebe rein gar nichts zu tun.“

Er zuckte mit den Schultern und grinste.

„Nun gut. Dein Latein ist besser als meines. Aber du kannst nicht leugnen, dass die Schönheit des anderen Geschlechts uns dazu verführt, davon zu träumen, in den Armen des anderen zu liegen und all das zu tun, was uns die Liebe in diesem Fall gebietet. Dieses Begehren nach Erfüllung ist doch allen Menschen angeboren.“

„Wenn dem so ist, und das will ich gar nicht bestreiten, warum singt ihr trobadors dann nicht von der Glückseligkeit der Liebe? Stattdessen klagt und jammert ihr endlos über die versagte, die unerfüllte Liebe. Man sollte meinen, es gäbe nichts als Leid und Weh.“

„Ah“, sagte Rogier. „Nun hast du den wunden Punkt getroffen. Denn mit der Erfüllung entflieht die Liebe. Sie wird alltäglich, sie erhebt uns nicht mehr, lässt unser Herz nicht mehr erzittern. Die unerfüllte Liebe dagegen ist die höchste Form der Liebe, die fin d’amor, die hohe Minne. Sie währt bis in alle Ewigkeit.“

„Dichtergewäsch.“

Er warf mir einen gekränkten Blick zu.

„Dichtergewäsch? Nun, dass ich Poet bin, daran kann kein Zweifel sein. Glückliche Liebe bietet mir eben nichts. Die fatale, die verbotene oder die zerstörerische Liebe, das ist Stoff für Lieder. Die Gemüter rührt nicht das Glück, sondern la passió, das Leiden der Liebenden, das Begehren, der unerfüllbare Wahnsinn, mit dem sie geschlagen sind und alle Verstrickungen, die sich daraus ergeben.“

„Da ist was dran.“

„Du kennst die Geschichte von TristanundIseult?“

„Wer kennt sie nicht?“

„Eben, wer kennt sie nicht. Alle, die sie hören, sind davon ergriffen. Die Liebe, die nicht sein darf. Das Schwert zwischen den Liebenden. Der Fluch des Ehebruchs, der über ihnen hängt.“

„Aber sie nehmen sich doch ihre Liebe.“

„Vorübergehend. Sie kosten von diesem Apfel und werden, wie Adam und Eva, aus dem Paradies vertrieben. Und beim Versuch, alle Hindernisse zu überwinden, sterben sie. Der Tod als letzte Entsagung einer unseligen Leidenschaft.“

„Ja. Das ist sehr traurig.“

„Kannst du dir Iseult am Herd vorstellen, fett geworden und mit sechs Kindern am Rock, während sie Tristan den Brei kocht? So eine Geschichte würde niemand hören wollen.“

„Du bist ein Scheusal“, rief ich und warf mit einem Stück Gebäck nach ihm, das übriggeblieben war.

„Schau dich doch selbst an“, fuhr er ungerührt fort, nachdem er die Kuchenkrümel von seinem Wams gelesen hatte. „Du warst glücklich mit Arnaut, gewiss. Und seit er fort ist, geht es dir nicht gut, er fehlt dir schrecklich. Ich wette, du schläfst schlecht, du hast abgenommen, bist oft ungeduldig und launisch. Aber wenn jemand seinen Namen erwähnt, dann kommt so ein Glanz in deine Augen. Glaub nicht, dass man es nicht merkt. Du leidest, aber du hast ihn noch nie so geliebt wie jetzt.“

Betroffen starrte ich ihn an. Mein Herz hatte heftig zu schlagen begonnen, und ich merkte, wie mir die Röte in die Wangen stieg. Machte er sich lustig über mich? Doch er lächelte mich nur sanft mit seinen Hundeaugen an und sprach mit leiser Stimme:

Ver ditz qui m‘apella lechai

Ni deziron d’amor de lonh,

Car nulhs autres jois tant no’m plai

Cum jauzimens d’amor de lonh.

- - -

Wahr spricht, wer mich unersättlich nennt

dürstend nach ferner Liebe,

denn nichts erfüllt mich mehr als diese Lust

an Liebe aus der Ferne.

Seine weiche, rauchige Stimme und dann diese Worte.

Kein Wunder, dass mir die Tränen herunterliefen. Ja, verdammt. Die ferne Liebe. Ich wollte, ich könnte sie mir aus dem Herzen reißen.

„Ich muss mich umziehen“, brachte ich hervor und verließ fluchtartig den Saal.
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Wie ein Heiliger ganze Heerscharen in den Tod schickt

Als die Kreuzrittergrafschaft Edessa 1144 von den Türken erobert wird, geht ein Aufschrei durch das christliche Europa. Gottes Bollwerk gegen die Heidenteufel ist gefallen. Hat der himmlische Vater uns verlassen, fragen sich die Menschen. „Nein“, predigt Abt Bernard de Clairvaux zu beiden Seiten des Rheins, „allein unsere Sünden sind es, die den Feinden des Kreuzes ihr Haupt haben erheben lassen. Der Herr könnte eine Legion Engel entsenden, doch er schickt euch, sich seiner Gnade würdig zu erweisen. Gehet und kämpfet für Gottes Ruhm und alle Sünden sollen euch vergeben sein.“

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Nach dem Ersten Kreuzzug 1096 war jedoch der Eifer erlahmt, und so ist niemand so recht bereit, erneut in den Orient zu ziehen, bis sich Bernard de Clairvaux der Sache annimmt. Seine Predigten erzeugen einen enormen Widerhall beim niederen Adel und einfachen Volk. In einem Brief an den Papst meldet Bernard von seiner erfolgreichen Predigtreise: „Ich öffnete meinen Mund; ich sprach; und alsbald vermehrte sich die Zahl der Kreuzfahrer endlos. Dörfer und Städte stehen jetzt verlassen. Kaum, dass man auf sieben Weiber einen Mann fände. Überall gewahrt man Witwen, deren Ehemänner noch unter den Lebenden sind.“

Makabre Worte, die ausdrücken, wiewohl er doch wusste, dass er diese Männer in den Tod schickte. Seltsam für jemanden, den schon viele zu Lebzeiten einen Heiligen nannten, einen Priester und Fürsprecher eines Gottes der Liebe, der von der Sanftheit der Mutter Gottes schwärmte.

Überhaupt scheint Bernard de Clairvaux ein Mensch voller Gegensätze gewesen zu sein. Der Poesie und der Literatur zugetan liebte er jedoch am meisten das Studium der Bibel. Bedeutende theologische Werke hat er hinterlassen, und seine besondere Verehrung gehörte der Jungfrau Maria in ihrer Rolle als Mittlerin zwischen Gott und den Menschen. Er war vom Ideal der Armut überzeugt, vom einfachen Leben in Demut vor Christus. Sämtliche Titel und Ämter, die man ihm aufdrängte, hat er zurückgewiesen, außer dem eines einfachen Abtes von Clairvaux, das er sein Leben lang bekleidete. Er wünschte sich nichts anderes als die Stille des Klosterlebens, den täglichen Rhythmus der Gebete und des zurückgezogenen Lebens, um sich seinen Studien und theologischen Arbeiten widmen zu können.

So jedenfalls behauptete er. Umso verwunderlicher, dass in seinem Namen 163 Klöster gegründet wurden, die er eisern beherrschte, dass er zur einflussreichsten Figur seiner Zeit aufstieg, dass er immer wieder gerufen wurde, in die Welt hinauszuziehen und die Probleme von Kirche und hoher Politik zu lösen. Er wurde Berater von Königen und Päpsten und hatte am Ende mehr Macht als der Papst selbst. Ein frommer Mann, der sich sein Lebtag lang mühte, bescheiden zu leben, ein verhinderter Eremit, ein Asket, der dennoch nicht von der Welt lassen konnte, den sein zweites Naturell dazu trieb, seine Fähigkeiten als geborener Menschenführer, Politiker und Diplomat zu nutzen, ein gewaltiger Redner, der ganze Scharen von Menschen überzeugen konnte und so das Geschick Europas entscheidend mitbestimmt hat.

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Von der Notwendigkeit eines zweiten Kreuzzugs war er wie besessen. Um die Menschen zu bewegen, sich daran zu beteiligen, scheute er auch nicht vor frommen Fabrikationen zurück. Ob von ihm selbst erfunden, sei dahingestellt, aber während seiner Predigten in Speyer entstand die „Lactatio-Legende“, nach der die Jungfrau Maria höchstpersönlich ihn durch die Milch ihrer Brüste mit Weisheit genährt haben soll. Und für einen Mann des Friedens hatte er ziemlich radikale Ansichten. "Ein Ritter Christi tötet mit gutem Gewissen, noch ruhiger stirbt er selber. Wenn er stirbt, nützt er sich selbst, wenn er tötet, nützt er Christus." So wird er zitiert. Und weiter: "Hier für Christus grausam zu sein, ist die höchste Stufe der Seligkeit."

Als der Kreuzzug am Ende zum Reinfall und zur Erniedrigung für die beteiligten Herrscher Frankreichs (Ludwig VII) und Deutschlands (Konrad III) wurde, fiel dies negativ auf Bernard zurück. Schuld sei die Sündhaftigkeit der Kreuzfahrer gewesen, so seine Erklärung. Gott habe sie gestraft.
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Macht der Mythen

Ob man gläubig ist oder, wie in meinem Fall, eher weniger, morgen ist der vierte Advent, und da sind ein paar Gedanken zum Thema spiritueller Tradition durchaus in Ordnung, denke ich. Gleich wie man zu ihr steht, die christliche Religion ist doch ein ganz entscheidender Kulturfaktor in unserer abendländischen Geschichte, und in den zweitausend Jahren ihrer Existenz hat sie Europas Identität geprägt. Wir sind mit ihren Symbolen und Riten aufgewachsen und sind in diesem Sinne allesamt Christen, ob gläubig oder nicht. Besonders in der Weihnachtszeit macht sich das jedes Jahr wieder bemerkbar.

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Der katholische Glaube ist besonders reich an Riten und mystischer Symbolik, was ihn möglicherweise für viele gerade deshalb besonders attraktiv macht. Man fühlt sich heimisch im mythisch Vertrauten. Und für mich, der über Menschen im Mittelalter schreibt, hat gerade auch diese Symbolik einen besonderen Reiz.

Allerdings habe ich Schwierigkeiten, den katholischen Glauben als monotheistische Religion zu verstehen. Ist er doch von überirdischen Wesen geradezu bevölkert. Mal abgesehen von der Dreifaltigkeit, die einem ziemliche intellektuelle Akrobatik abverlangt, gibt es Teufel und Engel und vor allen Dingen eine ganze Heerschar von Heiligen. Warum eigentlich so viele überirdische Wesen? Man scheut sich, sie niedere Götter zu nennen, obwohl sie durchaus so daherkommen. Ist das der Einfluss des antiken Götterhimmels auf die junge christliche Religion, die sich im hellenistischen Umfeld entwickelt hat? Neben seinen jüdischen Wurzeln mischt sich ja so Manches ein, warum nicht auch das antike Verständnis von unzähligen Göttern und Halbgöttern? Oder sind es die kaum bekehrten nordischen Heiden, die ihre widerwillig unterdrückten Gottheiten eingeschmuggelt haben, wie ja auch solche Dinge wie das Johannesfeuer (Sommersonnenwende) und vielleicht sogar das Weihnachtsfest selbst.

Im Mittelalter hatten die Leute nicht unbedingt den Kalender im Kopf so wie wir heutzutage, aber die Gedenktage der Heiligen, die waren jedem geläufig. Nach ihnen war das Jahr geregelt. Sie bestimmten die Zeit der Aussaat und der Ernte. Deshalb ist im „Bastard von Tolosa“ auch jedes Kapitel einem anderen Kalenderheiligen gewidmet. Jeder Tag hatte so seinen Heiligen, und weil es am Ende mehr Heilige als Tage im Jahr gab, hat man den Feiertag „Aller Heiligen“ erfunden, damit sich keiner von ihnen benachteiligt fühlen sollte. Denn der Mensch brauchte seine Heiligen. Sie heilten Krankheiten, kümmerten sich um die Ernte, hielten das Vieh gesund, machten Frauen fruchtbar, heilten die Gicht und den Kropf. Der mittelalterliche Mensch traute sich kaum über die Straße, ohne irgendeinen Heiligen um Beistand zu bitten.

Und in vorderster Reihe derer, die man anflehte, war die Mutter Gottes. Ich glaube die allermeisten Kirchen sind der Jungfrau Maria geweiht, deren fromme Abbildungen in jedem Dorf zu finden sind, und die sich in ihrem Ausdruck und im Verständnis der Person Marias auffallend ähneln und kaum variieren.

Ich finde diesen Marienkult sehr interessant. Dass einer Frau, der Mutter des Gottessohns, so viel Bedeutung beigemessen wird, erscheint mir für eine Religion semitischen Ursprungs eher erstaunlich. Auch hier glaube ich den Einfluss des Hellenismus und des Familiensinns der Griechen zu erkennen. Ohne sich über Dinge wie die unbefleckte Empfängnis zu streiten, ist doch nach der Kreuzigung die Vorstellung der Maria mit dem Christuskind das wohl zweitstärkste christliche Symbol überhaupt. Mutter und Kind – ein Archetypus von ungeheurer Strahlkraft, wenn man will. Und jedes Jahr feiern wir wieder die Geburt des Kindes und sehen vor unseren Augen Maria, die ihr Neugeborenes in den Armen hält, es an ihrer Brust nährt und liebevoll betrachtet. Zehntausendmal gemalt, in Holz geschnitzt oder in Stein gehauen, oft auf absurd kitschige Weise.

Aber die wahre Marienverehrung ist noch eine andere. Natürlich wurde Maria schon im dritten und vierten Jahrhundert in ihrer Rolle als „Gottesgebärerin“ verehrt, dann aber besonders wegen ihrer immerwährenden Jungfräulichkeit. Die Idee einer biblischen Vertreibung aus dem Paradies und die Vorstellung, dass die Frau unrein sei und Sexualität eine Sünde, hat jüdische Wurzeln, ist dann aber in frühchristlichen Jahrhunderten als unvermeidliche Erbsünde definiert und den Menschen in alle Eweigkeit auferlegt worden (nicht zuletzt von Augustinus). Eine Jungfrau Maria dagegen, mit ihrer „unbefleckten“ Empfängnis, schien den frühen Christen rein und frei von eben jener Erbsünde, ja überhaupt von Sünde jeder Art, daher auch der Glaube an ihre leibliche Aufnahme ins Himmelreich. Man stelle sich vor!

Durch ihre Nähe zum Sohn Gottes und ihrer jungfräulichen Reinheit wurde sie dann im Mittelalter zur Mittlerin und Fürsprecherin der Menschen vor Gott. Im zehnten, elften, und zwölften Jahrhundert entwickelte sich besonders die Marienverehrung. Ist es ein Zufall, dass zur gleichen Zeit die reine, höfische Minne zelebriert wurde, die unerfüllte Liebe zu einer edlen Dame von hohem Geblüt, der man ewige Treue schwor. Auch diese eine „unbefleckte“ Liebe. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich für so manchen jungen Ritter die Symbolik der Madonna mit seiner Verehrung für eine unerreichbare Dame durchaus vermischte. Frauen, die sonst wenig zu sagen hatten, wurden auf den Sockel gehoben und verehrt, zumindest die hochgestellten Damen, wenn sie denn auch noch hübsch waren. Wie ja auch alle Marienbilder niemals eine fünfzigjährige, verhärmte Matrone darstellen, sondern immer eine junge Frau in der Blüte ihrer Schönheit, wenn auch pietätvoll in züchtigem Gewand. Durch das Leid, den eigenen Sohn so grausam verloren zu haben, dichtete man ihr Verständnis für die Nöte der Menschen an. Maria die Trösterin, Maria, die ewig jugendliche, jungfräuliche und tugendhafte Gestalt, Mittlerin für uns arme Sünder.

So betet auch der harte Krieger Jaufré Montalban, mein Held in „Der Bastard von Tolosa“, zur Jungfrau Maria, als ihn der Tod seiner Geliebten in tiefe Verzweiflung stürzt, und er um Fassung ringt: „Weder unsere Unvollkommenheit noch unsere Sündhaftigkeit sind dir fremd. Maria, virgo pia, consolatrix, ora pro nobis. O sanfte Jungfrau, die du uns tröstest, bitte für uns.“

Der Symbolkraft solcher Bilder kann man sich im christlichen Abendland trotz aller Aufgeklärtheit nur schwer entziehen.
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Gefährliches Spiel

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Da sitzt der Herr auf seiner Burg, umgeben von den Seinen, von Gesinde, Knechten, Knappen und jungen Rittern. Er streichelt seinem Bastardsohn den blonden Schopf, wirft den Hunden einen Knochen vor und trinkt der holden Angetrauten zu, die ihm die fette Mitgift eingebracht hat. Da plötzlich taucht einer dieser frechen Troubadoure auf. Abgerissen sitzt er auf einem mageren Gaul, aber singen kann er, und ist obendrein ein hübscher Kerl. Die Angetraute klatscht entzückt in die Hände, die Hofdamen kreischen vor Vergnügen und die Mägde verdrehen die Augen nach dem Burschen. Soll er also singen für sein Abendbrot, der Tunichtgut, brummt der Herr und hält sich an den Wein.

Und was tut der singende Herumtreiber? Macht gleich der Dame des Hauses schöne Augen, singt von ewiger Liebe, vergeht in Schmerz und Herzeleid vor unerfülltem Sehnen. Er wirft sich ihr zu Füßen, schwört ewige Treue. Den Weibern quellen die Augen über, die Angetraute seufzt und schenkt ihm einen goldenen Armreif, die Knappen wundern sich, die Ritter murren. Aber der Herr leidet es. Im Gegenteil, je mehr verliebte Blicke und seufzende Damen, je mehr beschenkt der Herr den fahrenden Sänger, bietet ihm gar ein warmes Plätzchen für den nahenden Winter an.

Ich habe ein wenig übertrieben, aber man muss sich schon wundern über die Zeit der Troubadoure. Einerseits boten sie neben der Jagd die einzige Unterhaltung, aber sie machten den Edelfrauen ganz eindeutig den Hof. Natürlich nur platonisch, denn wir befinden uns in einer Zeit, in der Männer sich alles erlauben durften, Frauen dagegen wenig. Ehebrecherische Frauen wurden in Schande davongejagt, verloren Mitgift und Kinder, wenn sie nicht noch schlimmer bestraft wurden. Frauen hielten sich meist unter sich auf, in den abgeschiedenen Frauengemächern. Männer wunderten sich, was sie dort wohl trieben. Überhaupt war das weibliche Geschlecht ihnen fremd, manchmal gar unheimlich, sie hielten sich lieber an ihre kriegerischen Kumpane, mit denen sie sich betranken.

Und doch wurde diese höfische „reine“ Liebe und Verführung quasi vor aller Augen zelebriert. Die Troubadoure machten es vor, die anderen nach. Ob diese Liebe immer so rein blieb, sei dahingestellt, aber alle schienen das Spiel zu lieben, ein Spiel mit dem Feuer. Es gibt ein berühmtes Buch, „Die Kunst der höfischen Liebe“ von Andreas Capellanus, einem Mönch aus dem späten 12. Jahrhundert. Darin macht er Vorschläge, wie der verliebte Dialog zu führen sei. Und zwar unterschiedlich zwischen Adeligen unter sich, zwischen Bürgerlichen oder einem Adeligen und einer Bürgersfrau und umgekehrt. Ein wahres Handbuch der höfischen Verführung.

Es muss also fast schon ein Volkssport gewesen sein. Denn die Liebe suchte man nicht in der Ehe. Ehen waren Vermögenspakte, keine Liebesheiraten. Aber trotz aller Liebesschwüre blieb es nur platonisch. Zumindest durfte man sich nicht erwischen lassen. Überliefert ist ein Gerichtsurteil über ein ehebrecherisches Pärchen, sie war jedenfalls verheiratet, das in flagranti erwischt worden war. Sie wurden nackt unter Schimpf und Schande durch die Stadt getrieben, wobei sie ihn an einem Bindfaden führen musste, der an seinem Penis verknotet war. Die Sache konnte also durchaus bös enden.
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Der traumatisierte Troubadour

Jaufré Rudel war ein bekannter südfranzösischer Troubadour des frühen 12. Jahrhunderts. Er war der Sohn eines Kleinfürsten aus der Gegend der Gironde in Aquitanien. Von seinem Leben sind nur wenige Einzelheiten überliefert, außer dem, was seinen acht erhaltenen Liedern zu entnehmen ist und einer kurzen mittelalterlichen Biographie (vida).

Ein Ereignis muss ihn sehr beschäftigt haben, denn es wird mit großer Melancholie in einem seiner Lieder beschrieben. Troubadoure lebten vom Mäzenatentum der Fürsten und Kastellane. Sie zogen von Hof zu Hof, verbrachten manchmal sogar Jahre am Hof eines ihnen wohlgesonnenen Herrschers. Ihr zentrales Thema war die Liebe, meist die reine, platonische Liebe zu einer edlen Dame, der sie sich romantisch verbunden gaben.

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Ganz so platonisch muss es allerdings nicht immer zugegangen sein, wie Jaufrés Geschichte bezeugt. Er hatte sich wohl unsterblich in eine Schöne bei Hofe verliebt. Wer sie war, bleibt uns verborgen. Er muss sie lange umworben und bedrängt haben, bis sie sich eines Tages bereit erklärte, ihm ein süßes Stelldichein in ihrer Schlafkammer zu gewähren. Überglücklich schlich er sich in ihre Kammer, fand die Dame seines Herzens jedoch nicht vor, nahm aber wohlgemut an, sie müsse gleich erscheinen. Die Liebesbeziehung muss, zumindest in seinen Augen, schon recht fortgeschritten gewesen sein, denn in seiner freudigen Erwartung zögerte er nicht, sich schon mal seiner Kleider zu entledigen und es sich in ihrem Bett bequem zu machen. Vielleicht hatte sie ihm so etwas ja auch angedeutet, wer weiß?

Aber, oh Schrecken, als die Kammertür aufflog, war es nicht seine geliebte Dame, sondern eine ganze Horde junger Höflinge, die ihn johlend aus dem Bett rissen und ihn zur allgemeinen Belustigung nackt durch die Burg trieben.

Welch eine Scham, welche Erniedrigung, die ihm da angetan worden war. Ein Geschöpf, das er hoch verehrte, hatte ihm einen solch niederträchtigen Streich gespielt. Auch andere Troubadoure bestätigen, dass ihn die Sache jahrelang traumatisierte. Ich zitiere ein paar Zeilen aus seinem Lied:

Mein Herz wird für immer daran leiden,
Denn dass sie lachend davonliefen,
Das verfolgt mich im Traum und in meinen Seufzern.

Nach diesem Erlebnis hielt er sich von Hofdamen fern. Seine Liebe sollte in Zukunft nur noch einer Dame gehören, die zwar einen Namen und ein Gesicht hatte, es in Wirklichkeit aber nur in seiner Fantasie gab, die für ihn unerreichbar ferne Fürstin von Tripolis, der er alle Tugenden andichtete. Tatsächlich hat er sie am Ende seiner Tage aber doch noch kennengelernt, aber das ist eine andere Geschichte.
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Wie sauber war das Mittelalter?

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Die Idee, dass sich die Menschen im Mittelalter selten gewaschen haben sollen, hält sich hartnäckig, ist aber mit Sicherheit falsch. Schon die Germanen legten auf tägliche Körperhygiene wert, und im Hochmittelalter waren öffentliche Badestuben sehr beliebt.Ein Minnesänger soll seine Armut beklagt haben, die ihm nicht erlaube, sich mehr als nur einmal am Tag den Gang zur Badestube leisten zu können.
Es wurde nicht nur gebadet, sondern der Bader kümmerte sich auch ums Rasieren und Haarschneiden, um Pflege und Kosmetik, um Zähneziehen und kleinere medizinische und chirurgische Eingriffe. Dies zeigt das nebenstehende Bild, in dem eine Dame gerade geschröpft wird.

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Morgens nach dem Frühstück ging die brave Bürgersfrau mit den Kleinen zum Bader, abends dagegen der Hausherr. Während tagsüber ein Vorhang die Bereiche für Männlein und Weiblein trennte, ging es zu vorgerückter Stunde gemischter zu. Allerdings bestand dann die Weiblichkeit eher aus willigen Badenixen, deren Dienste käuflich waren. Das zweite Bild zeigt solch ein fröhlich feuchtes Treiben, die Gäste in den Badezubern, darüber ein auf einer Tafel ausgebreitetes Festgelage, während ein Spielmann für musikalische Unterhaltung sorgt. Im Hintergrund sind Alkoven für intimere Spiele zu erkennen. „Der Bastard von Tolosa“ enthält eine solche Szene in einem anrüchigen Badehaus in Tripolis, in der es ähnlich pikant zugeht.
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Das traurige Ende des traumatisierten Troubadours

Kürzlich hatte ich darüber geschrieben, welch üblen Streich eine Hofdame dem armen Troubadour Jaufré Rudel gespielt hatte. Noch dazu eine, in die er heftig verliebt gewesen war. Danach wollte er mit den Schönen der Höfe, die er besuchte, nichts mehr zu tun haben.

Jaufre stirbt in Hodiernas Armen
Heimkehrende Pilgersleute erzählten ihm später von der Tugend und Schönheit Hodiernas, der Gräfin von Tripolis. Angeblich war ihr Gemahl, Raimund II von Tripolis, ein eifersüchtiger Mann, der sie eingesperrt hielt wie eine Orientalin. Das entzündete seine Fantasie und er schuf das Bild einer Hodierna als edelmütige, ferne Geliebte, der er all seine späteren Liebeslieder widmete. Als Alfons von Toulouse sich 1148 auf den Zweiten Kreuzzug begab, schloss sich Jaufré Rudel ihm an, um die Gelegenheit zu nutzen, endlich vor seine ferne Angebetete zu treten. Nach der Legende erkrankte er leider auf der Schiffreise schwer. Halb tot trug man ihn an den Strand von Tripolis. Sein Ruf als Poet war ihm vorausgeeilt, und so begab sich Hodierna gleich an den Strand, um ihn tot elend vorzufinden. Fürsorglich ließ sie ihn in ein Hospitium bringen, doch sein schlechter Zustand war schon so fortgeschritten, dass er sich nicht mehr erholte. Immerhin starb er glücklich in ihren Armen.

Hodierna war die dritte von vier Töchtern des Königs von Jerusalem, Balduin II, und ganz so tugendhaft und edelmütig, wie Jaufré sie sich ausgemalt hatte, scheint sie wohl nicht gewesen zu sein. Wie ihre Schwestern war sie sehr unabhängig aufgewachsen, und ihr Gemahl schien durchaus Grund zur Eifersucht gehabt zu haben, denn es liefen Gerüchte, dass Hodiernas Tochter nicht von ihm gewesen sein soll. Und als sie fürchtete, Alfons könne ihr und ihrem Mann die Grafschaft Tripolis streitig machen, schmiedete sie mit ihrer Schwester Melisende, Königin von Jerusalem, ein erfolgreiches Komplott, ihn zu vergiften.
Dennoch haben Jaufré Rudels Lieder von der fernen Liebe (
amor de lonh) einen bleibenden Einfluss auf die Kunst der Troubadoure und Minnesänger in ganz Europa gehabt. Wie die Grafschaft Tripolis als einer der Kreuzfahrerstaaten entstand, habe ich in „Der Bastard von Tolosa“ beschrieben. Und Alfons von Toulouse, Sohn des Gründers Raimund Saint Gilles, ist ebenfalls eine meiner wichtigen Figuren in „Die Comtessa“.
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