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Revolution

Der Zorn der Straße

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Nun ist er weg, der Diktator. Menschen in Ägypten sind auf die Straße gegangen, weil sie genug hatten von ihren Machthabern, von Korruption, schlechten Lebensverhältnissen, Unterdrückung und Unfreiheit. Mit friedlichen Mitteln haben sie ihre Hauptforderung durchgesetzt, wie zuvor in Tunesien, wie vor zwanzig Jahren auch bei uns. Ideen, die zur französischen Revolution führten, verändern immer noch die Welt.

Und doch, wer sich ein wenig für Geschichte interessiert, weiß, dass eine solche Revolution der Straße in vergangenen Jahrhunderten fast unmöglich war, dass der Kampf für Gerechtigkeit und Freiheit allzu oft in Blut ertränkt wurde, bis hin zu unseren Zeiten, siehe Iran oder China auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Umso erstaunlicher, dass es in den letzten 50 Jahren immer wieder gelang, diktatorische Machthaber zu vertreiben. Ich bin überzeugt, dies hat etwas mit dem zu tun, was wir unter Legitimität der Macht verstehen.

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In vergangenen Jahrhunderten beruhte Herrschaftslegitimität auf Abstammung, auf Zugehörigkeit zu einer Adelsschicht. Erbberechtigung gab Legitimität. Nach diesem Prinzip folgte man einem adeligen Führer. Die Idee einer Nation gab es nicht. Trotzdem hat es an Revolten und Rebellionen nicht gemangelt. Die meisten waren jedoch erfolglos. Ketzerbewegungen vergingen in den Feuern der Inquisition, Bauernaufstände wurden immer wieder blutig niedergeschlagen. Die Revolte der Schweizer Bauern stellt da eine glorreiche Ausnahme dar.

Erst im 19. Jahrhundert wandelte sich das Prinzip der Legitimation von persönlicher Gefolgschaft gegenüber einem erbberechtigten Fürsten zur Idee einer Nation. Nationalismus fegte so die Herrschaft des Adels hinweg. Leider allzu oft ersetzt durch diktatorische Regime, die ihre Legitimation in einer nationalistischen oder anderen Ideologie suchten. Leider wurde oft auch die Macht der Gene (Adel) auf eine andere sogenannte genetische Berechtigung übertragen (Volk und Rasse), mit desaströsen Konsequenzen. Angefangen mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der französischen Revolution hat sich besonders in den letzten sechzig Jahren die Idee durchgesetzt, dass das Volk der eigentliche Souverän ist, das heißt, dass jeder Staatsangehörige, unabhängig von Herkunft oder Religion, das Recht hat, seine Führer zu wählen. Heute glauben wir, nur die vom Volk gewährte Macht hat Berechtigung. Und zunehmend ist diese Idee stärker als Panzer.

Und doch hat es auch schon in der weit entfernten Geschichte Gruppen gegeben, die für sich Freiheiten erstritten haben und denen es gelungen ist, zumindest innerhalb ihrer sozialen Gruppe eine Art repräsentative Herrschaft zu errichten. Das war vor allem schon das Bürgertum im Mittelalter, eine Zeit, die mich besonders interessiert. Eine gewisse Unabhängigkeit von feudaler Knechtung entwickelte sich ganz allmählich in den urbanen Zentren, wo Handwerk und Handel ein selbstbewusstes Bürgertum entstehen ließen. Den Anfang machten die norditalienischen Städte, wo schon seit der Antike städtische Strukturen bestanden. Bereits zur Zeit Karls des Großen entwickelte Venedig eine unabhängige Stadtregierung. Florenz folgte. Im Wettstreit mit den Sarazenen um die Kontrolle des Seehandels bauten Genuesen und Pisaner mächtige Flotten, entmachteten im 11. Jahrhundert ihren Stadtadel und gründeten maritime Republiken.

In „Die Comtessa“ spielt die Stadt Narbonne eine Rolle. Auch hier, wie in anderen Städten Südfrankreichs bildeten die reichen Kaufleute eine Schicht, die begannen, den Fürsten die Stirn zu bieten, besonders da sie das Gros der Steuereinahmen lieferten. In Montpellier wurde der Fürst vorübergehend vertrieben. Alfons Jordan selbst konnte sich in Toulouse nur mit der Unterstützung der Stadtmiliz auf seinem Thron behaupten. Trotzdem gelang es den provenzalischen Städten nicht, sich völlig von ihren Fürsten freizumachen. Diese Spannungen werden auch in meinem Buch dargestellt. Im ersten Kapitel entlädt sich der Zorn des Volkes in spontanem Widerstand gegen die Toulousaner Söldner. Hier, wie so oft, wird der Aufruhr blutig niedergeschlagen. Tote und Verletze bleiben zurück. Am Ende des Romans erstreiten sich die Bürger von ihrer Fürstin gewisse Privilegien und Rechte als Gegenleistung für ihre Unterstützung.

Wie so oft findet man zu aktuellen Geschehnissen Parallelen in der Geschichte.
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