Ulf Schiewe

Autor

Die Stadt der "Comtessa" Ermengarda


Narbonne Kathedrale
Die gotische Kathedrale Saint Juste aus dem 13. Jh.


Im Roman „Die Comtessa“ spielt Narbona, wie die Stadt auf Okzitanisch (Provenzalisch) genannt wird, eine bedeutende Rolle. Wenn Ermengardas Stadt heute auch ein verschlafenes Provinzstädtchen von 50.000 Einwohnern im Südosten Frankreichs ist, so war sie im 12. Jahrhundert ein reiches Handelszentrum, das im westlichen Mittelmeer mit Marseille, Genua und Pisa konkurrierte und der vizegräflichen Herrscherfamilie viel Geld in Zolleinnahmen bescherte. 
Allein die neue Straße in die Corbières, die Ermengarda im Laufe ihrer Herrschaft bauen ließ (siehe Karte), soll ihr, wie aus alten Quellen zu erfahren ist, an die 300.000 bis 400.000
solidi (Goldmünze) pro Jahr eingebracht haben. Kein Wunder, dass der Graf von Toulouse darauf erpicht war, sich dieses Kleinod von Stadt einzuverleiben, gelte was es wolle.

Narbonne Umgebung
Narbonne und Umgebung zur Zeit Ermengardas (12. Jh.)


Dort wo heute nur noch der kleine
Canal de la Robine daran erinnert, floss die Aude einst durch den Ort bis in die weite Meeresbucht (heute eine Lagune). Leider versandete der Fluss zunehmend und suchte sich schließlich im vierzehnten Jahrhundert ein neues Bett weiter nördlich, was zum wirtschaftlichen Niedergang führte.
Schon 118 v. Chr. von den Römern als
Colonia Narbo Martius gegründet entstand an dieser Stelle aufgrund der strategischen Lage schon früh ein militärisches, administratives und Handelszentrum. Am Meer gelegen und so für die Seeschifffahrt zugänglich eröffnete das Tal der Aude den Zugang ins Landesinnere bis nach Toulouse und Bordeaux. Hier kreuzte auch die Via Domitia den Fluss auf ihrem Weg von Italien nach Spanien. Die mächtige römische Brücke, ehemals von sieben Bögen getragen, steht zum Teil noch heute mitten in der Stadt, überquert den Kanal und trägt noch wie im Mittelalter zu beiden Seiten Häuser und Geschäfte.
Zinn von den britischen Inseln zur Bronzeherstellung erreichte hier das Mittelmeer, und Olivenöl und besonders der Wein aus dem Umland Narbonas waren im alten Rom sehr beliebt. Über Jahrhunderte war Narbona das Quartier der siebten Legion. Nach ihr und den Veteranen, die bevorzugt in der Gegend siedelten, soll die Region einst
Septimania geheißen haben. Es gab ein Capitol und Forum, kühle, unterirdische Lagerhallen für Gemüse und Getreide, Ländereien und Villen reicher Römer im Umland und ein Amphitheater, das heute völlig verschwunden ist, wie so viele römische Anlagen, die in späteren Jahrhunderten einfach als billige Steinbrüche missbraucht wurden. Die Stadt wurde dann von den Westgoten erobert, war kurze Zeit in der Hand der Mauren und wurde schließlich dem fränkischen Reich als „Gotische Mark“ (Gothia) einverleibt.
La Ciutat auf dem Nordufer stellt den ursprünglichen römischen Stadtkern dar. Um das Kloster und die Basilika Sant Paul auf der Südseite entstand später die Zwillingsstadt lo Borc, beide von einer mächtigen Stadtmauer umgeben, deren Türme von den wehrhaften Familien des Stadtadels gehalten wurden, die für die Verteidigung zuständig waren. Das auf der Karte eingezeichnete la Posterula(wörtlich Hintertürchen) war wohl als heimliches Ausfalltor bei Belagerungen gedacht. Es spielt eine wichtige Rolle im Roman.

Narbonne Mittelalter
Narbonne zur Zeit Ermengardas


Im Mittelalter, nicht zuletzt dank der großen jüdischen Gemeinde, es gab eine große Synagoge und Schule für Rabbiner, war Narbona ein bedeutendes Handwerkszentrum, das Rohstoffe aus dem Landesinneren verarbeitete und die Produkte in großem Stil ausführte. Das Stadtviertel La Morguia war nach den vielen Ölmühlen benannt, die hier ihren Standort hatten. Vor allem Schafswolle von den kargen Höhen der Corbières wurde verwebt und in den vielen Walkmühlen am Fluss zum Export verarbeitet. Nach dem ersten Kreuzzug erreichten auch kostbare Waren aus Outremer wie Seide und Gewürze die Stadt, von wo aus sie weiter ins Frankenreich gelangten. 
Der Erzbischof, der neben den Vizegrafen von Narbona wie ein Fürst über einen Teil der Stadt herrschte, besaß das Zollrecht auf sämtliche Waren, die per Schiff die Stadt erreichten. Dies wird noch heute durch einen riesigen eisernen Anker belegt, der an der Mauer des erzbischöflichen Palastes hängt.
Seit der Zeit Karls des Großen herrschte Ermengardas Familie über Narbona. Eifersüchteleien und Machtkämpfe mit den mächtigen Erzbischöfen waren allerdings an der Tagesordnung, besonders da Letztere oft mit Toulouse verbündet waren, um sich nicht von den Vizegrafen vereinnahmen zu lassen. 
Der Marktplatz, einst 
la Caularia genannt, wo Ermengarda im Roman ihre große Rede hält, existiert bis heute. Man kann dort noch ein Stück der alten Via Domitia bewundern. Der Palast der Vizegrafen samt Maurenturm ist leider verschwunden und auch der Palast des Erzbischofs und die schöne Kathedrale stammen aus dem 13. Jahrhundert, denn die romanische Vorgängerkirche ist leider abgebrannt und nur ein Glockenturm hat überlebt. Er wurde in die heutige gotische Kirche integriert.